Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Die vier Elemente der Baukunst
Person:
Semper, Gottfried
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1216431
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1217718
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Ein sehr verwandter Gegensatz bildete sich in unserer 
christlichen Culturperiode. Was ist die in dem gothischen 
Dome zu ihrem letzten Ausdrucke Iixirte abendländische 
Basilika anderes, als ein ägyptischer Priestertempel? Die 
Ecclesia hat den Tempel verschlungen, die Kirche ist des 
Gottes Herr geworden; fehlen doch selbst die hohen ägyp- 
tischen Pylonen nicht! 
Was ist die morgenländische Kuppel anderes, als 
ein christlicher Baalstempel  
Unser Heiland ist der Repräsentant des Despoten 
geworden, der sein Reich auf Erden vertritt, und alleini- 
ger Herr ist über Geistliches und Weltliches! 
i) Es wird wahrlich kein Anthemius von Tralles, kein Isidor von 
Milet erfinderisch genug sein, eine neue Grundform der Architektur zu 
schaffen, wenn nicht vorher eine neue wclthistürisElreldeeasicnliäahn brach, 
von welcher jene der Ausdruck tTJETWEISÜÜt-liehe Idee schwehlvclnöhiil-y 
stantin dem Grofsen vor dem Sinne, als er mit dem äufseren Christenthum 
für seine neu gegründete Hauptstadt nicht auch zugleich die weströmischo 
christliche Basilika adoptirte, sondern seinem Christengottc vor dem 
Tablinum seines römischen Hauses den Altar errichtete, dessen hohes 
Atrium testudinatum das Vorbild aller griechisch-katholischen "Dome" 
wurde. Es ist leicht zu erweisen, dass in ihrer ältesten und einfach- 
sten Form, in welcher alle späteren Kuppeltempel wie im Keime ent- 
halten sind, alle Haupttheile vorkommen , die das römische Haus consti- 
tuiren. Die ß-ula, die prothyra, das vestibulum, das atrium, die alae, das 
tablinum und selbst die fauces, die zu dem peristylen Hinterhof und den 
inneren Theilen des kaiserlichen Palastes führen. So war der kaiserliche 
Gedanke, der ihn zur Annahme der neuen Lehre bewog, architektonisch 
verkörpert, und Christus war in seine neue Wohnung, als Hausgott der 
irdischen Gewalt, eingezogen. 
Wie grofses Unrecht thut man uns Architekten mit dem Vorwurfe 
der Armuth an Erfindung, während sich nirgend eine neue Weltgeschicht- 
liche, mit Nachdmck und Kraft verfolgte Idee kund giebt. Vorher sorgt 
für einen neuen Gedanken, dann wollen wir schon den architektonischen 
Ausdruck dafür finden. Bis dahin begniige man sich mit dem alten.
        

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