Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178480
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Das Erhabcnc. 
wenn wir eine Harmonie darin erkennen. Ein Kanonenschlag, eine 
Pulverexplosion mit einem Knall können darum, weil sie in sich kein 
Maass tragen, nie erhaben sein, aber der Knall des Geschützes, der 
wiederhallt, der Donner, der an den Bergwänden oder in den Wolken 
rollt, wird erhaben, weil er sein Maass in dem Anrollen und Abnehmen 
mit sich führt, das unserer menschlichen Stimmanstrengung spottet. 
Aber welches Maass haben wir anzulegen? 
Wir messen die Sonnenweite, fangen an Sternenweiten zu bestim- 
men, wir berechnen die Stärke des Schalls  giebt es denn dabei ein 
Erhabenes? Hat man nicht, wie Kant gelehrt hat, alles mathematisch 
Erhabene zu verwerfen, weil man ja nur einen grösseren Maassstab zu 
wählen braucht, um das Erhabene herabzudrücken? Sehe ich einen 
hohen Baum, so brauche ich nur einen Berg anzuschauen; sehe ich 
einen Berg von bedeutender Höhe, so brauche ich nur an den Erd- 
dnrchmesser zu denken, bei diesem an das Planetensystem, für dieses 
an die Milchstrasse und so fort. Dagegen ist zu bemerken, dass jedes 
Ding mit seinem eignen Maass gemessen sein will, dieses Maass aber 
durch die menschliche Kraft des Beurtheilers bestimmt wird. Was unter 
iden so entstandenen, zusammengesetzten, man könnte sagen, mensch- 
lich höchsten Maassstab fällt, kann nie erhaben gefunden werden, möge 
es an sich so bedeutend sein wie es wolle. Es versteht sich, dass dabei 
das Dynamisch-Erhabene, eine Kraft, einen grossen Vorzug hat, weil 
ich dieselbe nicht bemessen kann, wie eine Ausdehnung. Wenn wir 
einen Menschen nehmen, so kann dessen Körperlänge niemals erhaben 
scheinen, sondern nur gross, weil wir sie jeden Augenblick bemessen, 
wohl aber mag die ihm zugetraute oder wirklich eigenthümliche Kraft 
einen solchen Eindruck des Erhabenen machen, weil sie für unseren 
Massstab unberechenbar erscheinen kann; auch diese Kraft wird dann 
wieder gerne auf das schwieriger oder gar nicht genau zu bemessende 
geistige Gebiet beschränkt. Aber der rohere, nur körperliche Mensch 
wird auch bei einer unverhältnissmässigen Anzahl von Pfunden, die 
Jemand hebt, oder bei der für ihn undenkbaren Dauer der Anstrengung, 
die der Athlet, die der Boxer aushalt, die Empfindung des Erhabenen 
bekommen. 
Es kommt beim Messen des Erhabenen nicht darauf an, ob wir 
etwas in eine mathematische Formel fassen können, sondern ob wir 
einen klaren Begriff noch mit dem Maasse verbinden. Eine Meile ist 
eine Zahl, die nichts besagen will für das Erhabene, wenn ich dagegen 
eine Sonnenweite nehme. Aber ein Bergh der eine Meile hoch ist, wird 
erhaben, sobald mir diese Meile Höhe ein Gefühl meines eignen kleinen 
Maasses von Höhe und Stärke bringt. Steigt er flach an, so kann er 
mir einen solchen Eindruck nicht machen. Ich finde weder Ver- 
gleichungspunkte, noch sehe ich eine besondere Schwierigkeit, ihn zu 
ersteigen, indem mir ja keine Hindernisse in den Weg treten. Aber er
        

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