Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178451
Reizende. 
Das 
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heit ins Erhabene hinüber. Naturgemäss sucht und verlangt darum 
auch der Mann das Reizende bei der Frau. Andererseits muss die 
Frau im Manne etwas Erhabenes finden, oder sie wird sich auf die 
Dauer nicht von ihm gefesselt fühlen. Das blos Reizende wird ihr bei 
ihm nur auf kurze Zeit gefallen; es stellt ihn auf eine Stufe, die sie 
selber einnimmt und auf welcher sie leichtlich Siegerin bleibt. Sie 
fühlt also keine Ergänzung zu der höheren Harmonie, welche Mann 
und Weib in ihrer Vereinigung darzustellen haben, kann also nimmer 
die rechte Befriedigung empfinden. 
In feiner ilVillkürlichkeit offenbart sich wohl, wie gezeigt, das 
Reizende. Diese Willkür darf sich jedoch nicht sclirankenlos zeigen, 
wodurch sie ins Hässliche fallen würde; darf auch den Stempel. der 
Absicht nicht deutlich an der Stirn tragen, wodurch sie maskenhaft 
crschiene. Sie braucht nicht im eigentlichsten Sinne des Wortes „naiv" 
zu sein, so dass sie nicht weiss, was sie thut, sondern kann auch in 
einem gewissen absichtlichen "Gehenlassen" sich reizend zeigen; nur 
darf eben die Absicht nicht durchschlagen. Letzteres zeigt sich iu 
der Coquetteric, die ausser in wirklichen gröberen Anreizungen zum 
grössten Theil in bewusster Willkür besteht. Soll ich hinzufügen, dass 
sie homöopathisch durch gesteigerte Willkür oder allopathisch durch 
uuabänderliche Strenge zu behandeln ist? 
Die Vorneigung zum Reizenden bleibt übrigens stets ein gewisses 
Zeichen der Schwäche einer Zeit. Ein Nachlassen der Kraft wird 
dadurch verkündet. 
Tiefer als das Reizende, wie schon gesagt wurde, liegt das Nied- 
liche, Gefallige mit all den verwandten Begriffen. Hier stehen wir 
ohne Weiteres über dem gefälligen oder niedlichen Gegenstands. Noch 
immer waltet darin eine gewisse Schönheit; es bietet daher die haupt- 
sächlichdte Klasse der wohlgefälligen Empfindungen für Alle, deren 
eigenes Maass des Schönen ein sehr geringes ist. Wenn wir uns des 
Ausdrucks bedienen dürfen, so sind es gerade die unteren Stände, die 
ungebildet aber doch schönheitsbedürftig, an dem Gefälligen und wie 
sich oft so sonderbar zeigt, am blos Niedlichen ihr vollstes Wohl- 
gefallen finden, während die gebildeteren Mittelstände darüber hinweg 
zum Reizenden streben und erst darin volles Genügen haben. Höchst 
drollig kann diese Vorliebe für das Niedliche bei Neigungen des Her- 
zens zu Tage treten, wenn, wie häufig geschieht, ein Bär von einem 
Manne kein höheres ldeal kennt, als ein kleines, niedliches, schnippi- 
ges Ding von einem Mädchen. 
Was höher als das Reizende zum Schönen hinüberführt, möchte 
ich das "Liebliche, in der Bedeutung des Llebeerweckenden, nennen, 
Es zeigt sich gesetzmässiger, als das Reizende, wird darum auch dem 
(larin waltenden willkürlichen, Beweglichen mehr entzogen und zu der 
höhirren harmonischen Ruhe des Schönen gerückt. Mit dem Lieblichen
        

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