Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178447
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Die 
{HISSGT 
Empfindungen. 
dem Schöx 
llUl 
Erhabenen. 
Hoheit und Strenge. Und hierin, in dem kleineren Maasse, was das 
Reizende hat, gegenüber den hohen Anforderungen des Rein-Schönen, 
liegt die grosse Anziehungskraft, welche es ausübt. Es gefällt häufiger, 
schneller als das Schöne, namentlich der Masse. Ja, Viele verstehen 
nur seine Leichtigkeit, sein Spiel' zu würdigen. Um das Schöne zu 
erfassen, dazu muss sich in der Brust des Beschauers eine volle, reine 
Harmonie finden, mit welcher Jenes versehmelzend dann die höchste 
Empfindung des Wohlgefallens giebt. Wer sie nicht besitzt, kann auch 
das Schöne nur ahnen, nicht ganz würdigen, nicht völlig begreifen. 
Leicht wird es ihm streng. ja steif in seiner vollkommenen Gesetz- 
mässigkeit erscheinen, von der Nichts hinwegzutlnm, zu welcher Nichts 
hinzuzufügen ist, die jede Laune ausschliesst. Der gewöhnliche Sinn, 
dessen innere Harmonie lückenhaft ist, wird sich darum zu dem gleich- 
falls Lückenhaften oder ihm Entsprechenden durch die Willkürlichkeit 
hingezogen fühlen. Die Seele in ihrer gewöhnlichen lümpüntlung, in 
Stimmungen, wo sie sich nicht abringen mag, um das höchste eigene 
'Maass_zu gewinnen und anzulegen, fühlt also Neigung zum lteizentlcn, 
während sie sich wohl vom streng Schönen abwendet, ja "mit ihm sich 
zu messen scheut und Widerwillen empfindet. Das Reizende ist zu 
allen Stunden gefällig, lässt sich leicht erfassen. Es ist die amnuthige 
Nymphe, die sich zu uns nicderneigt, während die reine öchönheit 
als die hehre Göttin erscheint, zu der wir emporschauen, bis unsere 
Herzen in Reinheit ihrer würdiggeworden und ihr Blick dem unseren 
in weihevoller Liebe antwortet. Dagegen zieht uns das Reizende nur 
an sich auf einer gleichen Stufe, nicht hinauf. Dem gewöhnlichen 
Sinn schmeiohelnd steht es da, zum Spiel, zum Tandem, zu schneller 
Anerkennung und zu ebenso schnellem Verlassen, um sodann das Spiel 
von Neuem zu beginnen.  Ein bedeutender Reiz liegt dabei in dem 
Willkürlichen, in der grösseren Freiheit, die es dem strengen Schönen 
gegenüber besitzt: dadurch wird es für viele Stunden ein wahres Be- 
dürthiss, für die Stunden der Erholung, wo der Geist ausruhen will, 
wo er sich abspannt von schwerer, streng bannender Arbeit. Stren- 
gerer, zwingender und gezwungener, logischer Sinn zeichnet den Mann 
aus, während das Weib in Allem mehr eine schöne Willkürlichkeit 
zeigt. Er hat mehr Gesetz, sie mehr Willkür. Er verlangt daher als 
Ergänzung das Reizende der Frau; sie sucht in ihm die strengere 
Festigkeit. Auch im Bau beider Geschlechter drückt sich dieser Unter- 
schied aus: der Mann hat eine herbere, grossartigere, die Frau eine 
weichere, reizendere Schönheit. 
Auch wenn wir das Maass des Mannes als Norm anlegen, finden 
wir, dass die, in körperlicher wie doch auch vielfach in geistiger Hin- 
sicht schwächere Frau unter dieses Maass, also ins Reizende, fällt. 
Nehmen wir das Maass der B'rau als Norm, so steigt der Mann darüber 
hinaus. Es rückt die männliche  sinnliche, und geistige  Schön-
        

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