Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178432
Gemeine 
Das 
Reizende. 
das 
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seine Derbheit und rohe Natürlichkeit als Folie gebraucht wird und 
als Gegengewicht gegen Ueberfeinerung und Verkehrtheit, um dadurch 
den richtigen Standpunkt für die Beurtheilung des letzteren zu ge- 
winnen. Man denke nur an Sancho Pansa, den getreuen Schildknappen 
des edlen Ritters aus der Mancha. ' 
Vom Lachbaren zum Schönen hinüber haben wir das Reizende 
gesetzt. Zwischen diesem und dem Lachbaren haben wir die Empfin- 
dungen, die durch ein kleinliches Maass in den Gegenständen erweckt 
werden, das Niedliche in seinen verschiedenen Arten, dann auch das 
nur schlechthin Gefällige, was wohl "hübsch" erscheint, aber nicht auf 
die Bezeichnung des Reizenden, geschweige auf Schönheit Anspruch 
machen kann. Während wir über dem Gefälligen stehen, unser Maass 
entschieden grösser ist, als dasjenige des Niedlichen und Hübschen, 
fühlen wir mit dem Reizenden eine grössere Gleichartigkeit. Alles 
darunter Stehende können wir belächeln, für das Reizende wird uns 
das Lächeln allein bleiben. Es ist ein Schönes in geringerer, mehr 
ungebundener, spielender Gesetzmässigkeit. Anstrengung, zu seiner 
Beurtheilungdas Maass in uns zu finden, erfordert es noch nicht. Es 
muthet uns an, reizt uns sich ihm zuziuveiideii, kann uns aber noch 
nicht mit der tiefen, starken Liebe, dem völligen Aufgehen, wonach 
das wahre Schöne uns verlangen lässt, erfüllen. 
Als besonders anmuthig oder reizend wird uns das Schöne er- 
scheinen, wenn es sich seiner strengen Vollkommenheit im heitern 
Spiele begiebt und diese oder jene Gesetzmässigkeit überhüpfend sich 
freier, ungebundener, innerhalb weiterer aber immer noch sicherer 
Gränzen bewegt. llier ist dann das Schöne die Trägerin des Reizen- 
den, Anmuthigen; unsere Empfindungen bleiben also gehobener, wenn 
wir auch in dem Spiele des Reizenden ihnen eine grössere Anspannung 
erlassen. Man hat deswegen auch das Anmuthige nur der beweglichen 
Schönheit zugestehen wollen (Schiller: Ueber Anmuth und Würde), auf 
welche Erörterung wir hier jedoch nicht eingehen können, weil allein 
die festen Bestimmungen des Reizenden, Anmuthigen, dann der Grazie, 
die bei der Bewegung ins Spiel kommt, zu viel Raum wegnehmen 
würden. Aber auch in dieser Beschränkung gefasst, sehen wir, dass 
unsere Bestimmung eines geminderten Maasses im Reizenden bleibt. 
Betrachten wir den Gürtel der Anmuth, den die Kypris der Here leiht, 
um das Herz des Zeus verführerisch zu bewegen: 
Spraclfs und löste vom Busen den wunderköstlichen Gürtel, 
Buntgestickt: dort waren die Zauberreize versammelt; 
Dort war schmachtende Lieb und Sehnsucht, dort: das Getändel, 
Dort die schmeichelrade Bitte, die oft auch den Weisen bcthöygg 
In allen: Genannten ist ein Unterordnell, ein Hinanstreben zu 
dem Umworbenen, eine Herablassung des wahren Schönen von seiner
        

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