Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178362
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Die Empfindungen 
ausser dem Schönen und Erhabenen. 
Wohlgefallen zu steigern. Wir lernen durch sie nicht nur den Werth 
des Einklangs schätzen und bekommen den Eindruck einer Freiheit 
oder Mannigfaltigkeit, sondern eine tiefere Empfindung sieht darin das 
Wahrzeichen, dass alles Hässliche zu besiegen ist und besiegt werden 
wird, dass aus Kampf und Zwiespalt beseligender harmonischer Frie- 
den geboren werden könne. 
Natürlich treten wir mit der Anwendung des Hässlichen aus dem 
Rahmen der engeren  sogenannten classischen  Schönheit heraus. 
das Reich einer allgemeineren Schönheit gewinnend. Aber auch hier- 
für ist nicht zu vergessen, dass hässlich hässlich bleibt und nicht das 
Ziel sein kann. Es muss als Folie dienen, darf nicht herrschen. Ther- 
sites steht unter den Heroen und ist an seinem Platz für die Absicht 
des Dichters; aber ein Heros unter einer Schaar von Thersitessen wäre 
ein unerbaulicher, kläglicher Anblick. Das Hässliche übermässig an- 
zubringen, zu viel in Disharmonien sich zu bewegen, ist das Zeichen 
einer verdorbenen, blasirten, selbst-hässlichen Zeit. 
Wirft man die Frage auf, wer zumeist das Hässliche gebrauchen 
dürfe, wer am wenigsten, ergiebt sich die Antwort: der Künstler, 
dessen Ziel ist, die umfassendste, die Lebens-Harmonie darzustellen, 
der Dichter darf es am meisten; der Künstler, der die reine Schönheit 
der lebensvollen Form uns zeigt, der Bildhauer darf es am wenigsten: 
gar nicht hat sich der Architect damit zu befassen; er hat zu arbei- 
ten, die Schönheit der unorganischen Welt zu befreien und zur An- 
schauung zu bringen, und diese Schönheit erträgt die Willkür des 
l-Iässlichen nicht, weil sie, wie wir sehen werden, hauptsächlich in 
der Ordnung begründet ist. Die Musik und Malerei liegen, im Allge- 
meinen gefasst, zwischen der Poesie und der Sculptnr. (Siehe hierüber 
Lessings Laokoon.) 
Ein weiteres Moment für die Anwendung des Hässlichen ist die 
Dauer desselben in der Betrachtung. Das Vorübergehende kann natür- 
lich nicht mit derselben Gewalt wirken, wie das Währende. Flüchtig 
verhallt das Wort, während das Bildwerk besteht; der disharmonischc 
Ton verklingt in der Zeit, die Architectur ist für die Zeit. Dann giebt 
auch der Sinn des Gesichts das stärkste Gefühl des Ekels. Er zeigt, 
dass das Hässliche wirklich da ist, wird also mit grösserer Dishar- 
monie wirken und darum kann das sichtbare Hässliche nicht in der 
Ausdehnung angewendet werden, wie das nur vorgestellte Hässliche. 
Der Dramatiker darf nicht in der Weise damit agiren wie der lüpiker, 
der Maler nicht wie der Dichter u. s. f.  
Wenn das Hässliche das Ungesetzmässige, sich Widersprcchende, 
ein Maass durch das andere Aufhebende und Vernichtende ausdrückt. 
was ist dann das Furchtbare? 
Es ist kurz ausgedrückt das Maasslose. In dem Dinge und 
Zwischen ihm und uns giebt es kein Maass mehr,  die Maasslosigkeit
        

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