Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178353
Hässliche. 
Das 
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(iebieten nichts Hassliches existirt  so ist der Ekel gehoben, das 
Hässliche aber auch in andere Gesichtspunkte gerückt. Natürlicher 
Weise lässt sich auch ein Irrthum in der Beurtheilung des Hasslichen 
denken und heben. Es mag uns ein Gesicht hässlich erscheinen; bei 
längerer Betrachtung können wir aber finden, dass wir nur einige Dis- 
harmonien auf den ersten Blick gewahrten, die tiefer liegenden Har- 
monien aber, die darin sich ausdrücken, nicht entdeckten. Finden wir 
diese nun, so kann sich der Eindruck des Wohlgefalligeu über den 
des Missfallens erheben und ihn schliesslich ganz vernichten. 
Wir übergehen hier alle die einzelnen Hässlichkeiten, die 410011 
nicht vollständig zu geben wären (Reinheit  Schmutz, Klarheit  
Verworrenheit, Leichtigkeit der Bewegung  Plumpheit, Keuschheit 
der Erscheinung  Obscönität u. s. w. u. s. w.) und Jeder leicht aus 
dem Gegebenen zu beurtheilen vermag. Es gilt auf einen anderen 
Punkt aufmerksam zu machen. 
Wir wissen, dass der Mensch jede übertriebene Einheit oder Ein- 
seitigkeit flieht. Nehmen wir nun das Schöne  ethisch die Tugend  
und setzen wir, dass wir nur Schönes und wieder nur Schönes zu 
sehen bekämen, so ergiebt sich durch richtige Folgerung, dass wir 
bald einen unbefriedigenden Eindruck empfanden. Die Forderung des 
Wechsels würde nicht erfüllt; wir würden Langeweile, wenn nichts 
Schlimmeres verspüren. In dem Falle könnte also selbst das Hässliche 
als Mannigfaltigkeit oder Wechsel eine Art wohlgefalligen Eindruck 
machen, freilich nicht an und für sich, sondern nur in Verbindung mit 
dem Schönen. Atisserdem lasst sich denken, ein Hässliches, das aber 
nicht absolut hässlich sein darf, könnte unter solchen Umständen da.- 
durch wirksam werden, dass es das Maass für unsere Beurtheilung. 
herabstimmt. Wir sind geneigt, seine Ungesetzmässigkeit mehr oder 
weniger zum Ausgangspunkte zu nehmen, erhöhen aber dadurch um 
ebensoviel das Schöne, als wir uns zum Hasslichen herablassen. S0 
wird das Hässliche zur Folie. Nur schöne Gesichter in einer Gesell- 
schaft drücken einander, sobald wir den Eindruck des Durchschnitts 
verloren und uns einen neuen Maassstab gebildet haben. Aber unschöne 
und hässliche daneben, und jene strahlen schöner  eine ästhetische 
Wahrheit, die immer von den ausübenden Aesthetikern und Aesthe- 
tikerinnen erkannt und angewendet worden. Man sehe nur, was für 
eine Freundin eine eitle Schöne sucht, die nichts als die Schönheit 
ihrer eignen Person im Auge hat. 
Es giebt aber auch Auflösungen des Hässlichen. Dieses kann in 
seinen Widersprüchen sich, ohne Schaden zu bringen, in ein Nichts 
auflösen, oder es können diese Widersprüche sich zum Einklange ge- 
stalten. Jenes ist komisch, dieses die zur Harmonie werdende Dis- 
harmonie. Rein Harmonisches ist schön; eine in das Schöne hinein- 
klingende Disharmonie, die sich harmonisch auflöst, vermag sogar das 
Lemcke, Aesthetik. 2. Aufl. 5
        

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