Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178348
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Die Empfindungen ausser 
dem Schönen und Erhabenen. 
Nichts, als Tod. So ist die sogenannte Grabesstille und ist die 
schwarze Grabesnacht uns widrig, ganz zu geschweigen von dem Ge- 
danken an absolute Nacht und absolute Stille.  
Freiheit und Ordnung in richtiger Harmonie erzeugen den Ein- 
druck des Schönen. Folglich ist nur Willkür ohne Ordnung, nur Ord- 
nung ohne Freiheit, also Zwang, hässlich, widerwärtig. Das Chaos 
ist hässlich wie Knechtschaft und Tyrannei, die Anarchie wie die geist- 
lose Schablone, wie die todte Form. Die Schönheit will Einheit und 
Mannigfaltigkeit. Man lasse den Eindruck der Einheit fort ilndgtnan 
hat eine chaotische Masse, ein Gewimmel, eine willkürliche Vielheit, 
die nur noch Missfallen erregt. So ein Klumpen Würmer, die durch- 
einander kriechen, deren Leiber wir nicht einmal auseinanderzuhalten 
vermögen  wie ekelhaft! So auch ein Haufe Trödelkrams iiber- und 
durcheinandergeworfen, ein Sehutthaufen ohne äussere Form, jede 
ungegliederte, einheitslos erscheinende Vielheit. Erst wenn Ordnung 
in das Chaos kommt, entsteht der Kosmos. Gleicher Weise wird die 
Einheit ohne Vielheit oder Mannigfaltigkeit oder die Einheit in falscher 
Vielheit, ewig wiederkehrend, hässlich. Immer derselbe Ton oder die- 
selbe Form, überhaupt immer dieselbe Wiederholung, dann das Aus- 
gedehnte ohne Unterbrechung und Wechsel, kurz jede fehlerhafte Ein- 
heit macht uns einen unangenehmen Eindruck. Man nehme ein stets 
gleiches Gedudel oder eine Wandiiache, die in einer Farbe keinen 
Wechsel der Beleuchtung, des Lichtes und Schattens u. s. w. zeigt oder 
den grauen eintönigen, durch keine besonders auffallende Wolke beleb- 
ten Himmel eines Landregens oder man nehme ermüdende Parallel- 
linien, die ewig und ewig wiederkehren oder was es nun sei,  der 
Eindruck ist widerwartig, hässlich. 
Ebenso ergiebt sich, dass die Verzerrung des Regelmassigen, 
Symmetrischen und Proportionirten die dem Schönen entgegengesetzten 
Empfindungen erweckt. Das schönste Gesicht ist sogleich hässlich, 
sobald es sich in einem verzerrenden Spiegel betrachtet, der alle Ver- 
hältnisse verkehrt. Jede Trübung, Verunstaltung, Verkrüppelung u. s. w. 
ist danach zu betrachten. Auf die Disharmonie zwischen Wesen und 
Erscheinung ward schon hingewiesen. Auch die Einwirkung des 
Ethisch-Hässlichen ist berührt. Die mannigfachsten Steigerungen sind 
natürlich beim Eindruck des Hässlichen möglich. Die höchste ist die 
absoluten Ekels; darin verkehrt sich unsere Natur gegen das ihr 
Fremdartige, Widerstrebende; sie wendet sich instinctiv ab, verliert in 
sich jede Haltung und bekämpfende Kraft; sie unterliegt dem Hass- 
lichen und nur nach schwerem Kampfe mag es ihr gelingen, die Ruhe 
wiederzufinden und jede Verbindung zwischen sich und dem Hassliehen 
hinwegzudenken. Vermag sie dies, kann sie alle Beziehungen ab- 
brechen und den Gegenstand dadurch rein objectiv hinstellen  wie 
es die Wissenschaft verlangt, für die darum je in den betreffenden
        

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