Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178293
Das Naive. 
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lich, dass der Künstler ein Werk gleich von Anfang anxvöllig naiv er- 
zeugt, doch nicht nöthig: genug, wenn er den Anschein des Naiven zu 
geben weiss, welcher zuhöchst durch Objectivitat gewonnen wird. Er kann 
und muss oft studiren, versuchen, verwerfen, ergänzen, aber schliess- 
[ich muss er dahin gelangen, den wahren Ausdruck seines Gegenstandes 
zur Erscheinung zu bringen. Die Bemühungen der Versuche, des un- 
fertigen Ringens sind als ungehörig davon fern zu halten. Schlacken- 
los muss das Werk erscheinen. Ohne Sichtbarkeit der Arbeit'und eines 
Arbeiters, aus sich selbst heraus herausgewachsen erscheint das Werk 
der Natur. Diesem Natürlichen soll das Werk des Künstlers gleichen. 
Wo der Schein desselben erstrebt aber nicht erreicht wird, entsteht 
der Eindruck der Disharmonie; Absicht und Erfüllung entsprechen 
sich nicht; wo er überhaupt fehlt, wird der zum Schönen nöthige 
Ausdruck des Vollkommenen vermisst und kann kein reines Gefallen 
herrschen. 
Wir sahen die Grundbedingungen für die Empfindungen des 
Schönen in der geistigen Erfassung, sodann die Bedingungen für die 
schöne Erscheinung der Dinge ausser uns. Nennen wir diese kurz die 
Natur, so werden wir die Natur nach dieser Zusammenstimmung des 
subjectiven und objectiven Schönen betrachten können. Es lasst sich 
aber Schönes auch durch den Menschen schalten. Zum Schalten des 
Schönen muss der Mensch ein Vorbild haben, nach dem er den Stoff 
in die schöne Erscheinung bringt. Mit der Empfindung allein ist es 
nicht mehr gethan; die Empfindungen müssen zur geistigen Gestal- 
tung zusammenschiessen, müssen zu Vorstellungen werden. Diese Thatig- 
keit übernimmt nun die Phantasie, in welcher das geistige Bild 
entsteht, sich in dieselbe hineinbildet (Einbildungskraft) und worin 
es nach dieser Hineinbildung bewahrt bleiben kann, um so abgeschaut 
werden zu können. Die Phantasie, welche die freieste Schönheitsthätig- 
keit auszuüben vermag, da sie zeitlich, räumlich, stoiflich ungebunden 
ist, erzeugt nach den Schönheitsideen des Geistes das Ideal. Dies Ideal 
giebt das höchste, künstlerische Vorbild. Ohne ein solches wird alles 
ästhetische Schaffen ein Nachmachen und Umhertappen. Die Kraft 
der Idealbildung in der Phantasie ist daher erste Bedingung für jeden 
Schatfer des Schönen, für jeden Poeten im weitesten Sinne (noisw, mu- 
qrng, Poet, der Sehaffer). Den, der das Schöne schaffen kann, nennen 
wir Künstler. Es kann nundas Schaffen des Schönen in verschiedener 
Weise geschehen. Zuerst bieten sich die gegebenen, lebendigen Er- 
scheinungen der Aussenwelt, so weit sie SlGh formen oder bilden lassen, 
um sie den Schönheitsbegriüen in ihren Formen mehr und mehr zu 
nähern oder entsprechend zu machen. Der Mensch kann die lebendige 
Natur verschönern, sei es, dass er das Ungehörige entfernt, und die 
freie zum Schönen strebende Entwicklung begünstigt und vor schäd- 
licher Einwirkung schützt oder dass er activ eingreifend dort, wo es
        

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