Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178289
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Auffässl 
111g 
Schöne: 
des 
hinausgegangen werden soll, um zu einer noch umfassenderen schönen 
Form zu gelangen  versinnlichen wir uns dies durch goneentrische Kreise, 
von denen der weitere die höhere Anschauung vom c iönen vorstellt  
da muss oder wird stets die reine Form des bis dahin Olassischen 
durchbrochen werden und Durchbrochenheit der Linien, Gestörtheit des 
Zusammenhangs, Kierschiebung der Formen, Lückenhaftigkeit u.  w., 
kurz ein in dieser Hinsicht als romantisch bezeichneter Zustand ein- 
treten, bis der neue, weitere Schönheitsbegriff in allen seinen Formen 
rein, vollkommen ausgefüllt erscheint, bis die zweite Kreislinie, um 
unser Bild zu gebrauchen, ebenfalls rein und richtig hergestellt ist. Das 
Romantische ist daher immer nur ein Uebergztng und in so weit zu be- 
kämpfen, als man bestrebt sein muss, es zur Vollkommenheit des Glas- 
sischen hinaufzufiihren. Es ist nie voll schön, hat aber im angegebenen 
Sinne die höchste Bedeutung. Dass in Bezug auf wahres Erkennen 
alles blosse Empfinden, Fühlen, Träumen u. dgl. romantisch ist und das 
Wissen dagegen classisch, ist sogleich zu sehen. Leicht kann man 
sich danach dies Romantische, vom Romantischen einer Ruine, der 
Waldesdammerung, des Halbdunkels u. s. w. bis zum Romantisehen 
eines Kunstwerks oder eines Charakters in jedem einzelnen Falle klar 
machen. 
In dem Begriff des Vollständigen, Classischen liegt die Noth- 
wendigkeit der Objectivität. Nie darfleine Ergänzung durch die 
subjective ästhetische Kraft des Betrachters nöthig werden, d. h. jene 
romantische 'l'hatigkeit, die dem Voll-Schönen widerspricht. Ein elas- 
sisches Werk ist stets objeetiv; das Natur-schöne ist es an sich, das 
Kunstwerk muss zur objectiv schönen Erscheinung gebracht werden, 
um nicht der subjectiven, stets zw'eifelhafteren, unsicheren ästhe- 
tischen Zuthat des Betrachters zu bedürfen. [Das Subject kann sich 
natürlich selbst zum Object machen und das Subjective zur classischen 
Erscheinung bringen] Hieraus ist auch der Begriff des Naiven zu 
ersehen, der dem Classischen zukommt. Naiv nennen wir das Natür- 
liche der Erscheinung. Die Natur ist stets sich selbst Zweck, erscheint 
absichtslos in Bezug auf ein Anderes. So verstehen wir unter naiv 
jenes Mangeln aller Absichtlichkeit. Die naive Erscheinung erscheint 
rein für sich, geschlossen. Ohne solche Naivetat ist keine Objectivität, 
kein Classisches möglich, weil andernfalls etwas Ueberflüssiges hinzu- 
kame, wodurch der reine ästhetische Eindruck gestört wird. Auf alle 
Einzelbedeutungen, nach denen der weitschichtige Begriff dieses Natür- 
lichen, Naiven gebraucht wird, können wir hier nicht eingehen und 
müssen dem Einzelnen das Einzelne überlassen. Das Naive, was 
der Natur gewöhnlich, ist das Höchste in der Kunst. Die Kunst- 
leistung, dass ein Werk ganz ich selbst Zweck erscheint, gleichsam 
gewachsen ist, gar nicht anders sein kann, nie anders gewesen ist, diese 
Art der naiven Erscheinung ist sehr schwer zu bewirken. Es ist mög-
        

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