Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178248
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zwischexi 
Harmonie 
Erscheinung. 
und 
Wesen 
Reinhaltung der Stilarten lässt sich ferner aus dem Gesagten fol- 
gern, damit nicht durch das, was nur dem Einen entspricht, ein Anderes 
im wahren Ausdruck seines Wesens getrübt werde. Das Wesen soll ja 
rein zu Tage treten. Architectur, Plastik, Malerei haben z. B. gewisse 
gemeinsame Grundbegride, gehen aber sonst weit auseinander. Eine 
plastische oder malerische Architectur, eine architectonische Plastik 
u. s. W. sind danach unvollkommene Stilarten. Ebenso, wenn das Tra- 
gische episch, das Epische lyrisch, wenn Musik für Wortpoesie dienen 
soll u. s. w. Je nachdem in solchem Idall der Stil verletzt wird, steigert 
sich der Eindruck vom Unvollkommeneil bis zum Hässlichcn. 
Wenden wir das Gesagte noch etwas naher auf den Stoff an. 
Jeder Stoff hat einen mehr oder minder bestimmten Ausdruck und da- 
nach mehr oder minder seinen Stil. Wird dieser verletzt, so entsteht 
der Eindruck des Unnatürlichen, einer Disharmonie. Holz hat z. B. 
wegen seiner Zähigkeit. Elasticität n. s. w. einen andern Stil als der 
unelastische Stein. Den Stein nun in Formen zivingen, etwa durch ver- 
borgene Klammern u. drgL, die ihm eigentlich wegen seiner Brüchig- 
keit widersprechend sind und nur kräftig elastischen Holzbalken ent- 
sprechen würden, heisst den Steinstil verletzen. In dem Augenblicke, 
wo wir erkennen, dass wir Stein vor uns haben und dieser wider seine 
Natur behandelt ist, bekommen wir den Eindruck der Disharmonie. 
Gewahren wir keinen Stein, so kann natürlich auch dessen Stil in 
unseren Augen nicht verletzt erscheinen. Ist der Schein desselben also 
durch Bemalung, Verkleidung u. s. w. aufgehoben, so kann auch keine 
Disharmonie für uns entstehen. Man ersieht daraus, wie Wohl dem 
Künstler häufig dasjenige Material, das sich allen seinen künstlerischen 
Absichten gleichsam willenlos fügt, das liebste sein kann. Er ist hin- 
sichtlich seiner subjectiven ästhetischen Ideen dann am wenigsten ge- 
bunden. Der lcichtest zu handhabende Stoff bietet sich für den Künstler 
im Gedanken dar, der allerdings wieder nach logischer Richtigkeit, Be- 
stimmtheit u. s. w. seine strengen Anforderungen macht. In der Phan- 
tasie entwirft, plant, baut u. s. w. sich's am leichtesten.- Der Stein macht 
andere Ansprüche, wo er in seiner natürlichen Beschaffenheit zu Tage 
tritt, als der Bewurf, dernur zum Theil an Stein, der an Erdschlem- 
mnng u. s. w. erinnert, durch seine Unentschiedenheit aber viel leichter 
mit sich umspringen lässt, als der gewachsene Stein. Dagegen steckt 
nun eine je höhere Fülle von Schönheit in einem Stoff, je characteristi- 
scher er ist. Wenn der eine Künstler, den subjectiven Ausdruck seiner 
Schönheitsideen verfolgend, das Material zu vernichten suchen wird, 
um einen willenlosen Stoff zu bekommen, so wird ein Anderer wieder 
die Objective Schönheit des Stoffes vor Allem zur Entfaltung zu bringen 
Sllßhen und damit wirken. Beide können Schönes schaffen. Die wahre 
Harmonie besteht aber auch hier in der Vereinigung des Einen und des 
Andern: Jedem sein Recht und Keinem ein Vorrecht. In den höchsten
        

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