Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178195
Rangordnung der 
ästhet. Werthe-s. 
Dinge bezüglich ihres 
Kraft u. 
Form. 
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Dingen gegen eine kleinere von bedeutenderen abzuwägen ist. So 
lässt sich der Streit zwischen der sogenannten historischen Landschaft 
und dem gewöhnlichen Genre nicht kurz entscheiden. Wer die histo- 
rische Landschaft höher stellt, könnte sich darauf berufen, dass zwar 
ein Baum oder ein Stein oder eine Quelle immer unbedeutender seien 
als ein Mensch, dass die Gesammtnatur wohl dem Gesammtmenschen, 
wie er in der Historienmalerei sich zeigen soll, nachsteht, nicht 
aber der einzelnen Mensehenerscheinung, wie sie sich da im gewöhn- 
lichen oder gar unter das Niveau sinkenden Treiben offenbart, welches 
der Vorwurf für die meisten Genrebilder ist. Aehnlich beim Streit 
zwischen Architectur und Sculptur hinsichtlich ihrer Würde. Die Ge- 
sammtdurchläuteruiig der unorganischen Natur nach deren mannigfal- 
tigsten Erscheinungen, wie es ein erhabenes Bauwerk veranschaulicht, 
steht hier gewöhnlich dem Ideal des Einzelmensehen gegenüber. Wie 
wiegt jene Gesammtharmonie der Massen gegen die des einen Bildes? 
Man sieht, wie viel darauf ankommt, ob wir die volle Idealität des 
Menschen ausgedrückt finden. Danach wird die Wage schwanken. 
Der Zeus von Olympia steht höher als der schönste Tempel, aber es 
muss auch ein Zeus des Phidias sein. Am besten ist, wie kaum be- 
merkt zu werden braucht, jeden derartigen Streit ruhen zu lassen. 
Zeige Jeder das Schönste in seinem Fach, dann ist die Pflicht erfüllt; 
Unahnliches lasst sich nie genau gegeneinander abschätzen. 
Die Kraft zeigt sich in einer Form. Natürlich können dabei 
verschiedene Verhältnisse walten. Kraft und Form können einander 
entsprechen oder nicht entsprechen. Entsprechen Form und Kraft 
einander, so empfinden wir Befriedigung; wir sehen Harmonie. Ent- 
sprechen sie einander nicht, so bekommen wir das Gefühl der Dishar- 
monie. Das heisst, bei jedem Gegenstande müssen Wesen und Aus- 
druck übereinstimmen, wenn wir den Eindruck des Schönen, des 
ltein-Wilohlgefälligen bekommen und uns nicht an unaufgelöstem Wider- 
spruch stossen sollen. 
Die Harmonie zwischen Wesen und Erscheinung kann sich natür- 
lich an den Dingen am leichtesten zeigen, deren Wesenheit unter- 
geordneter Art ist, z. B. von einigen starren Naturgesetzen in der 
Hauptsache bestimmt ist. Je höher das Wesen steht, desto schwieriger 
ist es der Erscheinung, dasselbe auszudrücken, desto schwieriger und 
damit um so seltener die Harmonie. Gold hat seine bestimmte 
Schwere, Dehnbarkeit u. s. w. Jedes Gold ist damit bestimmt. Für 
das Auge zeigt es sich nach einem Krystallisationsgesetz gebildet und 
hat einen hellen, gelben Glanz, den specifischen Goldglanz. Sehe ich 
die Krystallformen rein und sehe ich den Goldglanz, so bekomme ich 
für mein Auge den Eindruck einer Harmonie zwischen Wesen und 
Erscheinung des Goldes. Aber nehmen wir einen Baum. Schon seine 
einzelne Holzzelle ist dem Goldkrystall zu vergleichen, aber Tau- 
Lenicke, Aesthetik. 2. Anti. 4 
        

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