Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178184
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Harmonie zwischen 
lörscheinung. 
und 
Wesen 
tischen Anforderungen sind bei einem weniger bedeutenden Gegenstand 
erfüllt und ebenso alle ästhetischen Anforderungen bei einem Gegen- 
stand einer höheren Stufe, so ist klar, dass der letzte mir mehr gefällt 
als der erste._ Um meine höhere Befriedigung, die ich für das Bedeu- 
tendere empfinde, ist das ästhetische Interesse über das des Unbeden- 
tenderen gewachsen. So giebt es unzählige ästhetische Stufen, die 
aber parallel behandelt werden müssen. Nehmen wir ein Beispiel. 
Die Säugethiere sind bedeutender als die Vögel, die auf einer niedri- 
geren Stufe erscheinen. Das heisst aber nicht, dass ein herrlicher 
Falke oder Steinadler hässlicher ist als eine Ratte oder eine alte Katze 
oder ein dürrer Gaul u. dgI., sondern man muss ihn etwa dem mäch- 
tigen Löwen gegenüberstellen. Sind Adler und Löwe, jeder in seiner 
Art schön, so wird doch der Löwe den Adler weitaus in unserer ästhe- 
tischen Schätzung besiegen. Oder nehmen wir ein Beispiel aus der 
Malerei. So viel höher der Mensch als das Thier steht, so viel höher 
die Kunst, den Menschen wiederzugeben als das 'I'hier. Nun handelt 
es sich aber nicht darum, das Bild eines sehmierenden Historienmalers 
mit einem Paul Potter zu vergleichen, sondern es gilt einem Gemälde 
Potters das Gemälde eines in seiner Art ebenso bedeutenden Historien- 
malers entgegenzusetzcn. Ein Rubens wird also in seinen trefflichen 
Leistungen höher stehen, als sein Thiere malender ausgezeichneter 
Zeitgenosse. Man kann nur zu oft diese so einfache Wahrheit ver- 
kannt sehen; in dem heftigen Streit über Form und Wesen in der 
Aesthetik werden häufig Wesen oder Form in der einseitigsten Weise 
aufgefasst, und müssen die unpassendsten Vergleichungen herhalten, 
um die eine oder die andere Ansicht zu vertheidigexi. Ein hässliches 
Ding einer bcdeutenderen Stufe ist ästhetisch nicht so wohlgefällig, 
als ein schönes Ding einer niederen. Aber sind beide schön, dann 
wird sich der Sieg bald ausweisen. 
Ein hässliches Ding einer höheren Stufe kann hässlicher sein, als 
ein hässliches Ding einer niederen. Dies scheint ein Widerspruch; er 
löst sich aber leicht. Je höher der Wurf, desto tiefer der Fall. Die 
Bedeutung des Niedern ergreift uns nicht in dem Maasse, wie das 
Höhere. Eine Enttäuschung von schwächerer Einwirkung aber schütteln 
wir leichter ab, als die einer stärkeren. So empfinden wir bei gleicher 
Hässliehkeit verschiedener Stufen die Hässliehkeit in umgekehrter 
Proportion ihrer Bedeutung. So viel höher das schöne Bedeutende 
steht, so viel tiefer das hässliche Bedeutende. Das schöne Ding der 
höheren Stufe ist immer schöner als das der niederen. Was nun 
einer höheren Stufe angehöre, ist freilich wieder streitig. Wo Streit 
herrscht, muss der Standpunkt darüber festgestellt werden; die Frage 
ist aber nicht immer so einfach wie die: ob der Mensch oder das Thier 
höher steht? In sehr vielen Fällen wird die Beantwortung schwierig, 
z. B. in den Fallen, wo eine grösserc Anzahl von weniger bedeutenden
        

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