Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183557
Umständen Rührstück u. s. w. waren danach andere Dramen mit un- 
glücklichem Ausgang zu nennen. Wir sahen, wie die Forderung des 
Wechsels dasjenige Stück schöner erscheinen lässt, welches einen allge- 
meinen Wechsel des Schiclasals zeigt. Also in der Tragödie nicht ein 
Lebensgang, der von Anfang bis Ende unglücklich ist, sondern ein 
Wechsel von Glück und Unglück. Wir sahen ferner, wie kein ab- 
soluterer Schluss gedacht werden kann, als das Aufhören des Lebens, der 
Tod. Die Einheit der Idee, das Ausschliessen des Zufalls, die innere 
logische Ordnung verlangt nun, dass das Unglück aus dem Glück her- 
vorgeht; dies kann nur geschehen bei einem Uebermaass irgend einer 
Weise; das Einfachste also ist: der Held zieht sich das Unglück selbst 
herbei durch seine Handlungen, durch Leidenschaft, Rücksichtslosigkeit, 
Verbrechen, Charaeterschwächen, wie Mangel an Energie, Weichheit, Un- 
entschiedenheit oder was es nun sei. (Siehe oben: das 'I'ragische.) 
Die Handlungen oder Unterlassungen erwecken den Rächer. Der Um- 
schlag (Peripetie) erfolgt. Vom Beginn des Stücks ging es aufwärts bis 
zu einem Gipfel des Erfolgs; zuhöchst die Katastrophe; dann geht es 
abwärts, dem Untergang entgegen. Vergebens greift der tragische 
Held nun nach einem Halt; woran er sich klammert, es stürzt mit ihm 
zur Tiefe. Dies istdie ausgebildetste Form des Wechsels von Glück 
und Unglück, Welche durch die griechische dramatische Dichtung in un- 
iibertretilicher Weise ausgebildet und festgestellt worden. Doch haben 
wir dabei unter Glück nicht immer einen absoluten Glückszustand 
anzunehmen, sondern bedeutet es oft nur im Allgemeinen: Erfolg. 
So ist z. B. bei Richard III. und Macbeth, überhaupt bei tragi- 
schen Verbrechern das Glück immer nur in bedingter Weise zu ver- 
stehen.  
Trivialer Inhalt und trivialer Ausgang braucht hier nicht be- 
sprechen zu werden, indem das aus der Kunst herausfällt. Bei einem 
Schauspiel kann nun umgekehrt wie in der Tragödie die Handlung zu 
einem glücklichen Ende führen, wie ernsthaft sie sich auch zu Anfang 
gestaltet. (Iphigenie von Göthe; Kaufmann von Venedig, Oymbeline, 
Sturm u. s. w.) Ein solches Schauspiel hohen Stils setzt eine ausser- 
ordentliche harmonische Kraft des Dichtergemüths voraus, um alle 
Dissonanzen so rein in Harmonie übergehen zu lassen, dass wir sehen: 
es ist unmöglich, dass jemals die Dissonanzen sich wieder zeigen 
können. Die Idee des Stücks muss auch hier voll abgeschlossen sein. 
Die Kräfte, welche zum Unglück hinarbeiten, werden meistens nicht so 
bedeutend sein, wie in der Tragödie. So schwere Schuld, um nur 
eins anzuführen, ist darin nicht gestattet. Oft wird sich dies so aus- 
drücken, dass wohl die Absicht einer schlimmen That vorliegt, dieselbe 
aber nicht zur Ausführung kommt, zum Geschehen, das Nichts, Nichts 
mehr ändern kann. Vielfach wird ein solches Stück von Anfang an 
heiteren Oharacter tragen, 311611 Sßlleflllflftß Lösung gestatten, urährend
        

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