Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183526
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Die Dichtkunst. 
Erzählung liegt zum Grunde; von Darstellung des Epischen nimmt es 
seinen Anfang. 
Bei diesen Darstellungen drängte die Menge theilnehmend hinzu; 
nicht ein, zwei, danp drei Schauspieler, sondern zwanzig, dreissig, hundert 
und hunderte wollten agircn. S0 ging Alles in die BreiterDas Spiel 
dauerte einen Tag, mehrere Tage, wurde durch Episoden bereichert. 
Der Geist der Laune ist in Massen nicht zurüekzudrängen. Schwank, Un- 
sinn, Witz, Satire und auch das niedrig-sinnliche, obscöne Element 
haben immer ihre Vertreter; seit Heidenzeiten her zeigen das auch bei 
uns die Männer, halb Sänger, halb Schauspieler; Lustigmacher, Tän- 
zer, Geigenspieler, Zauberkünstler, Seiltänzer u. s. w. in einer Person. 
Der Volkshumor und seine dramatische Art, von dem vielleicht schon 
in der Edda einige Dichtungen als humoristische dramatische Stücke 
Kunde geben, als älteste Vorläufer der späteren Fastnachtspiele, 
drängt sich in das geistliche Spiel. Die Teufel, die Händler der Sal- 
ben u. s. w. werden ihm überlassen. Er überwuehert das ganze religiöse 
Drama, dass die Kirche von Oben gegen das entgeistliehte Spiel ein- 
schreiten muss. Aber die Freude am Schauspiel ist einmal da. Sie 
lässt sich nicht hinwegdecretiren. In tollen Schwanken und rohen 
Spässen vertobt sie leider bei uns zu sehr. Sich selbst überlassen, ver- 
sinkt sie oft in unsagbare Roheit und Gemeinheit. Plumpere Obscöni- 
täten, als z. B. in unseren mittelalterlichen Fastnachtspielen gesagt 
wurden, sind nicht denkbar. Kein Genius fand sich bei uns, der die 
dramatischen Elemente zusammenfasste. Die Versuche, welche gemacht 
wurden (Hans Saehs u. A.) blieben stecken. 
Anders aber in einem andern germanischen Volke. Die Reforma- 
tion ist gekommen und hat von den grossen Mysterien die Herzen des 
Volks abgewandt. Der freiheitliche Drang des Individuums, die grös- 
sere Selbständigkeit des Geistes, der sich von der Satzung und der 
ausseren Busse losmacht, dafür nun aber alle Kämpfe des Innern (lurch- 
zumachen hat und sich selbst befreien muss, machen sich geltend. Es 
giebt Spaltung, innere Zerrissenheit aber damit Vertiefung, Selbst- 
erkenntniss und psychologische Kenntniss überhaupt. Dieser geistige 
Zustand ist dramatisch nicht, wie zu Euripides Zeit, durch die überlie- 
ferten Formen behindert. Er hat keine Ueberlieferung der höchsten 
Kunst zu Schranken. Er braucht nicht niederzureissen, er kann frei 
beginnen. In Deutschland müht das Volk und mühen die Dichter sich 
vergebens ab, um den Ausdruck für den neuen dramatischen Geist Zll 
finden. Gelehrsamkeit und bürgerliche Beschränkung hindern den Auf- 
schwung. Aber in dem lustigen Alt-England, da greifen die Spieler, 
nachdem ihnendie religiösen Stoffe genommen sind, frischweg in (len 
Balladenreiehthum und suchen sich dort Stoff. Da braucht man nicht 
durch die klugen und die thörichten Jungfrauen oder durch ein Oster- 
Spiel die Menge anzuziehen, sondern sie drängt sich auch llerzu, wenn
        

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