Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183501
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Dichtkunst. 
Die 
Leidenschaft verkündete vor Allem die Sprache. Ihre Rhythmen be- 
gannen dann zu wogen und steigerten sich auch zum Gesang. Solche 
Figuren mussten in einer gedrängten Handlung gezeigt werden. Allzu- 
viel Action hätte sich nicht gut mit dem Kostüm verbinden lassen; die 
Gesänge verlängerten die Handlung ungemein, so dass auch ein kurzes 
Stück schon bedeutende Zeit einnahm. Dadurch war man gezwungen, 
die Handlung auf ihren Höhepunkt zu concentriren. Dasjenige, was 
man nicht dramatisch bewältigen konnte, musste man durch Erzählung, 
(Prolog u. s. w.) zu ersetzen suchen. Solcher Höhepunkt der Handlung, 
den man wählte, fasst sich natürlich gewöhnlich der Art zusammen, 
dass er in einer kurzen Zeit und an einem Orte geschieht. Dadurch ent- 
stand jene berühmte Einheit von Ort und Zeit, welche die Franzosen 
später pedantisch festhielten und in der Theorie des Drama's so be- 
rüchtigt gemacht haben. Was bei der Art und Weise des griechischen 
Drama's sich ganz einfach als zweckmässig, aus der Handlung selbst 
ergab, wird für andere Behandlungen dramatischer Darstellungen zur 
Pedanterie, zum Zwang und zur Verkchrtheit. Um umfassendere Hand- 
lungen darzustellen, wo Zeit und Ort, Personen u. drgl. verändert waren, 
bildeten die Griechen, wie schon oben bemerkt wurde, die Dreihandlung. 
die Trilogie aus, mit dem Satyrspiel dazu Vierhandlung, Tetralogie. 
(Wir, wenn wir umfassendere Stoffe wählen, theilen dieselben, gleichfalls 
Ort und Zeit wechselnd, in Acte. Auch innerhalb der Acte gestatten 
wir Scenenwechsel, wenn darin mehrere völlig gesättigte Handlungen ge- 
schehn. Wie oft dies geschehen kann, ist nicht Sache der Theorie, sondern 
hängt von dem Eindruck der Störung auf die Zuschauer ab). Der ge- 
waltige Aeschylos hat das griechische Drama von roheren Anfängen 
gleich auf eine Höhe gehoben, dass seine Werke noch heut und so auf 
immer zu dem Erhabensten zählen, was die Dichtung geschaffen. Nach 
ihm kam der Meister des Schönen, Sophokles. Er führte das Drama 
in's Menschlich-Schöne. Auch seine Götter werden menschlicher, während 
sein grossartiger Vorgänger die Menschen in's Uebermenschliche hob. 
Sophokles hielt das Maass. Aber als nach ihm ein Euripides und Andere 
über dieses hinausgingen, als sie in voller Berechtigung die typischen 
Formen zersprengten und der Reilexion der Leidenschaft, menschlicher 
Beweglichkeit des Gemüths und Raffinirtheit Raum gaben, als sie den 
Chor aus seiner Wichtigkeit bei Seite schoben, nun aber doch nicht die 
neuen Formen zu finden vermochten, welche damit geboten waren, da 
war die antike Tragödie an ihren Abschluss gekommen. Euripides hätte 
den Chor ganz entfernen, das Stück beweglicher machen, eine Ein- 
theilung, eine Umfassung des Stoffes nach unserer Art vornehmen müSSCII- 
Er blieb bei der griechischen Behandlung und gebrauchte nun in un- 
statthafter Weise Prolog und Erzählung, weil er nicht unsre Ent- 
wicklungsacte hatte, um das Stück der dichterischen Idee gemäss zu 
formen. Auch der Abschluss erforderte in Folge dessen nicht selten
        

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