Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183462
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Dichtkunst. 
Die 
der zwanzig ihn angreifende Männer erschlägt, so ist das in der Phan- 
tasie ein ganz ander Ding, als wenn wir die zwanzig Männer den Kampf 
wirklich gegen einen aufführen sehen, der in seiner leibhaftigen Grösse, 
Breite der Schultern u. s. w. vor uns steht und uns seine Fechtergeschick- 
lichkeit zeigen soll. Es ist grosse Gefahr, dass uns solche Heldenthat 
sehr spasshaft und wunderlich vorkomme. Alles, was uns aber stören 
und an der Wahrheit des dramatisch Vorgeführtexi zweifeln lassen könnte, 
hat der Dichter so viel möglich zu vermeiden. Aehnlich, wo es sich 
etwa um eine überwältigende Schönheit handelt. Wir stellen uns das 
Höchste von Schönheit unter der Helena des Homer vor, was wir nur 
in unserer Phantasie zu ahnen vermögen. Wenn wir aber eine Helena 
auf der Bühne erscheinen sehen, dann werden wir sogleich Kritik üben. 
Möglicherweise hat sie eine aussergewöhnliche Schönheit als Vertreterin 
gefunden, aber der Dichter wird sich niemals gänzlich darauf verlassen 
können und begeht einen dramatischen Verstoss, wo er auf eine der- 
artige Aussergewöhnlichkeit rechnet. Frei darf er nur die Kräfte ver- 
wenden, bei denen wir ihn nicht so controliren können. Er wird also 
darauf hingewiesen, sich mehr auf die innerlichen, somit hauptsächlich 
auf die geistigen Eigenschaften, ihren Ausfluss und ihren Ausdruck in 
der Erscheinung zu richten. Man sieht, wie wir auch hier wieder auf 
den Character der Personen hingeführt werden, welche in dem Ausdruck 
ihrer Empfindung, dann aber besonders im Ausdruck des Willens, der 
auf ein Object sich richtet, darzustellen sind. 
Aber woher nimmt der Dichter den Inhalt für das Drama? Das 
Leben, das unübersehbare Menschenleben giebt ihm denselben. Von 
den niederen Erscheinungen an, mit denen nur das Komische versöhnen 
kann, bis hinauf zu den höchsten, zu übermenschlichen Bestrebungen, 
in welchen der Mensch die Gottheit, die ganze Welt zu erfassen, zu er- 
gründen sticht, worin sein Geist mit den ewigen, unerklärbaren Mächten 
ringt. Hier taumelt der betrunkene Kesselüicker auf die Bühne. Dort 
ist Prometheus! Der Titane am Kaukasus, von Kraft und Gewalt an- 
geschmiedet, im Kampfe mit dem Herrscher der Götter und der Welt, 
umwogt von den Okeaniden! Hier ist eine Kaifeegesellscliaft der In- 
begriff aller Glückseligkeit, dort ist das Leben ein Traum! Hier 
schreiten nüchterne Intriganten über die Bühne, denen das Nicken 
eines Königs das Höchste ist, dort ringt Faust, der erkennen will, was 
die Welt in ihrem Innersten zusammenhält, der getreue Knecht des 
Ewigen, an den der Versucher herantritt, dass er das Weh der Erden 
zu allen Geistesqualen erdulden muss. Hier spottet in grandioser Satire 
ein Aristophanes, dort redet der weihevolle Sophokles. Hier ist die 
Welt in einem Kaufmannsstübchen beschlossen, wo zwei neue Kunden 
in der Woche ein Ereigniss sind, dort wird gewürfelt um Länder und 
Reiche  die hochiliegendsten Pläne werden in's Werk gesetzt; Deutsch- 
land Wird Umfasst mit begehrenden Blicken, über Europa fliegen sie
        

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