Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178157
Gleichgewicht. 
Gegengewicht. 
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Nehmen wir das edle Pferd. Von vorn zeigt es Symmetrie; seit- 
wärts muss es Gleichgewicht zeigen oder es ist nicht schön. Es theilt 
sich, wo der Rücken vom Widerrist absetzt. Hier eine Senkrechte 
hindurchgezogen, muss der Eindruck entstehen, dass das Ffordertheil 
 Kopf, Hals, Brust, Schultern, Vorderbeine  dem übrigen TlIGIlO 
glcichwiegt. Dabei fällt natürlich ein scharfer, knochiger Kopf, enrleb- 
haftes, bedeutendes Auge ganz anders ins Gewicht, als ein tleisclnger, 
schläfrig (lreinschauender. Ebenso die harten, festen Schultern. Ueber- 
wiegt der Rumpf, so erscheint es, wie jedes Thier, mehr Bauchthier, 
niedriger, plumper; ist Gleichgewicht vorhanden, so dass die edleren 
Theile in gleicher Bedeutung hervortreten, so haben wir in diesem 
Punkte Schönheit. Das Bedeutende darf auch noch überwiegen  
Uebergang ins Erhabene  doch natürlich nur in bedingter Weise. 
Ein Uebermaass wird unnatürlich, Caricatur, hässlich. Was unser Bei- 
spiel, das Pferd, betrifft, so verwirft der Araber das Ross, bei dem 
nicht die Länge von der Schnauze über den Kopf und Hals bis zum 
YViderrist so lang ist, wie von dort bis zum Schwanzwurzel-Ende. Er 
verlangt von einem guten Renner noch etwas Uebermaass des Vor- 
dertheils. 
Wie bedeutend dieses Gesetz sich beim Löwen und anderen 
Thieren zeigt, werden wir sehen. 
Oft fällt bei Itormen, die nur den Trieb nach vorwärts aus- 
drücken, kein Verweilen bezeichnen, dieses Gegengewicht weg. Dann 
überwiegt der vordere Theil. Häufig hilft hier aber die Natur dennoch 
durch ein ästhetisches Gegengewicht. S0 unter Andern vielfach bei 
den Vögeln, wo der Federschwanz diesen Dienst leistet. Er wiegt 
hier gegen den schräg aufwärts gerichteten Körper. Zu lang macht 
er den Vogel schleppend; zu kurz, haben wir stets einen mehr oder 
minder possirlichen Eindruck. In ausgezeichneter Weise  fast sym- 
metrisch in der Seitenansicht  entfaltet sich der Schwanz des Hahns 
als ästhetisches Gegengewicht, den Hühncrherrsclier dadurch freilich 
besonders zum Standvogel machend. Achnlich haben wir das sitzende 
Eichhörnchen, das mit Körper und buschigem Schwanz lyraähnlieh 
erscheint; hübsch in dieser Stellung, possirlich durch die lange 
Fahne beim Laufen. 
Für die Architet-tur ist das Gesetz des Gleiclr- und Gegengewichte: 
leicht zu erkennen. Ich will an einen Mittelbau mit Flügeln erinnern. 
Wenn das Mittelgcbäude nicht seinen Flügeln durch Grösse und Bedeu- 
tung (Höhe, Schmuck etc.) das Gleichgewicht hält, so bricht der Bau 
auseinander oder macht doch keinen ästhetisch-erfreulichen Eindruck. 
Ebenso scharf tritt das Gesetz auf in der Seitenansicht. Man denke 
an die gothische Kirche. Hier haben wir Thurm und Langhaus. Der 
Thurm hat dabei das Gegengewicht gegen das Gebäude zu leisten, 
ähnlich wie bei der Thieransicht von der Seite.  Bleibt er hinter dem
        

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