Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183459
Drama. 
Das 
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Aussehen und Sprache verschieden; sollte ein Schauspieler mehrere 
Rollen übernehmen müssen und können, weil deren Personen nicht zu 
gleicher Zeit auftreten, so muss er doch durch Maske, Kleidung und 
Sprechweise jedesmal die verschiedenen Rollen anseinanderhalten. (Dies 
hat wohl bei den Masken des antiken Dramas mitgewirkt.) 
Dadurch, dass das Drama zur vollen künstlerischen Darstellung 
die Aufführung verlangt, sind verschiedene weitere Forderungen be- 
dingt. Um ganz zu entsprechen, muss das Drama aufführbar sein. Es 
sind demgemass die Stoffe zu wählen und einzurichten. Um Dichtung 
zu bleiben und nicht zur Pantomime herabzusinken, müssen durchgängig 
die Handlungen durch die Rede auszudrücken sein und darf das stumme 
Spiel, das stumme Handeln nicht die Hauptsache bilden. Es stellt sich 
dabei der grosse Unterschied vom Epos heraus, Welches jede mög- 
liche und unmögliche Thatigkeit uns in wenigen Worten vergegenwär- 
tigen kann und als nur mit dem Worte wirkend Zeit und Ort gar nicht 
zu berücksichtigen braucht; es erzählt uns z. B. in wenigen Versen, 
dass der Held tagelang im Meer herumschwimmt, wie er weite Reisen 
macht, ein Stück Land bearbeitet, Hunderte von Gegnern erschlägt 
u. s. w. Die werdende dramatische Handlung aber ist, soweit sie zur 
Aufführung kommt, ganz bestimmt an Ort und Zeit gebunden; was wir 
sehen, muss in seiner Art möglich sein oder gemacht werden; was für 
das Epos höchst einfach ist, wird bei der sichtbaren Aufführung, wo 
nicht bloss die Phantasie arbeitet, sondern die Sinne wirksam werden, 
leicht zum Unsinn. Die Zauberstücke, die aber deswegen immer durch 
das Komische ihren Widerspruch heiter auflösen müssen und mancherlei 
niedere dramatische Arten, welche auf diese epische Schaulust im Drama 
speculiren, suchen zwar auch solche nur dem Epos zustehende Begeben- 
heiten zu verwerthen; in die Aufführung des höheren Dramas gehören 
sie nicht hinein oder dürfen doch nur nebensächlich erscheinen. Alle 
äussern Verhältnisse, die nicht im Menschen ihren Ausdruck finden, 
geben gleichsam nur einen Rahmen für das Menschengemälde oder sie 
sind durch Erzählungen in die Handlung eiuzuschicben. In Shake-. 
speards Sturm befinden wir uns auf dem Schiffe; in den Gesprächen 
und dem Treiben der Menschen kommt er uns zum vollen Bewusstsein. 
Der Untergang des Schiffes, das Schwimmen der Schiffbrüchigen hören 
wir nur erzählen; nur in einem Zauberstück oder einer Posse dürfen 
wir etwa einen Schwimmer in den Wogen dargestellt sehen. Doch können 
wir hier nicht naher auf den Unterschied der wahrenKunst und solcher 
Künsteleien eingehn, zumal auch hier eine genaue Granze anzugeben 
unmöglich ist. 
Dass der Dramatiker nicht dieselbe Leichtigkeit hat, uns so ausser- 
gewöhnliche Personen in Bezug auf körperliche Kraft, Schönheit, auf 
Aeusseres überhaupt, vorzuführen, wie dies der Epiker vermag, folgt 
ebenso. Wenn uns der Erzähler einen übermenschlichen Helden schildert,
        

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