Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183449
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Die Dichtkunst. 
wird hier durch die geringe Zahl auch eine Beschränkung der Hand- 
lung geboten. Möglichenfalls wird hier nur der Höhepunkt derselben 
gegeben. 
Man vergleiche das Drama eines Aeschylus mit dem eines Shake- 
speare. Sie sind beide in ihrer Weise gleich richtig, jenes in seiner 
Allgemeinheit, dieses in der individuellen Auffassung und Behandlung. 
Als einen Versuch, diese Extreme zu verbinden, ohne von dem einen 
oder andern viel zu opfern, kann man, unter anderen, Schillefs Jung- 
frau von Orleans ansehen. Der Dichter giebt darin eine viel umfassende 
Handlung, viele Personen und bleibt doch mehr in der Allgemeinheit, 
als dass er scharfe, individuelle Charactere zeichnete, wie sie etwa sein 
Wallenstein zeigt. Nach dem Gesagten mag man auch Schillers Vor- 
schlag betreffs des Chors in der Braut von Messina beurtheilen, für 
welchen er anstatt zweier Chorführer und des Gesangs sieben Sprecher 
verschlägt. Der Gesang hat an sich schon etwas Allgemeines; jeder 
Halbchor steht nur für eine Person. Wenn die Chöre nun aber in vier 
und drei Sprecher aufgetheilt werden, so werden diese Sieben auf der 
Bühne trotz der wundervollen Dinge welche sie sagen, einen unleben- 
digen Eindruck machen. Sieben Personen ohne scharfe Persönlichkeit! 
Von denen der Eine ganz gut sagen könnte, was der Andere sagt! Wir 
werden ihnen als Persönlichkeiten kein Interesse abgewinnen können. 
Wozu dann aber so viele Sprecher gebrauchen, dafür sieht der Zu- 
schauer keinen Grund und in Folge dessen wird es schwierig sein, unter 
solchen Umständen einen harmonischen Eindruck zu machen. 
Jede Dichtung ist auf die lebendige Rede, Gesang u. s. w. angelegt. 
Das Drama, welches in der angegebenen Weise aus Reden besteht, 
durch welche die Handlungen der Personen offenbar werden und sich 
weiter ergeben, soll also gesprochen werden, und zwar jeder Persönlich- 
keit gemäss. Die Aufführung d. h. die Darstellung der Handlung durch 
sprechende Personen ist damit gegeben; dass die redenden Personen 
auch die entsprechenden Handlungen, nach Geberden, Bewegungen etc. 
machen, also den mimischen Ausdruck zu Hülfe nehmen, da sie sonst 
nur wie redende Puppen erscheinen würden, ist dadurch mitbedingt. So 
haben wir hier den vollsten Gegensatz zum Epos, bei welchem ein Er- 
zähler Alles berichtet, das Milde wie das Schreckliche, das Unbedeutende 
wie das Bedeutende. Während beim Vortrage des Epos immer die Ein- 
heit des Erzählers zu berücksichtigen ist und dieser innerhalb der nöthi- 
gen Modulation doch Alles in seinem Ton vorzutragen hat und fehlerhaft 
wird, wenn er nach Art des Dramas etwa jede wechselnde Person mit 
verstellter wechselnder Stimme sprechen wollte  dazu benachrichtigt 
uns der Erzähler durch die Worte: da sprach der, dann der u. s. f., 
damit wir nicht in Irrthum fallen können  so hat im Drama jede 
Person ihren besondern Träger. Geschieht dies der Art, dass jede 
Rolle von einem besondern Schauspieler gegeben wird, so ist von Natur
        

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