Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183435
Das Drama. 
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zu schildern, sondern das ihr eigenthümliche Schicksal. Und er kann 
und darf dies nicht in allgemeinen Zügen, sondern wird das Ganze 
individueller zu behandeln haben. Man sehe nur, wie die eigenartige 
Figur der Antigene einen Sophokles zu einer an die moderne Weise 
streifenden Behandlung drängt, wie die allgemeinen Personiiicirungen 
einer edlen Jünglingsnatur und einer Jungfrau gleich zu einer seltsam 
absteehenden Behandlung dieser Parthien im Wallenstein führen. Dass 
der Dichter es zu vermeiden hat, das Allgemeine und das Besondere 
neben einander zu stellen, dass dadurch keine Verschmelzung erzielt 
wird, sondern eine Disharmonie kaum zu umgehen ist, soll hier nicht 
näher auseinandergesetzt werden. Max und Thekla unter Personen wie 
Wallenstein, Terzkys, Oetavio Pieeolomini, lllo, Isolani, Buttler, 
Questenberg u. A. können dafür zum Beispiele dienen. 
Weiter ist leicht zu sehen, dass der Dichter nicht so viele typische 
Figuren neben einander stellen darf, als er uns individuelle vorführen 
kann. Jene werden uns leichter leblos, nach erscheinen. Je mehr 
Figuren, desto grössere Eigenartigkeit wird verlangt. Ein Drama mit 
zwanzig, dreissig oder vierzig typischen Charaeteren wird auf uns einen 
nnüberwindlieh öden, maskenhaften Eindruck machen. Ein Drama mit 
drei oder vier Personen, einen gewaltigen, allgemein-menschlichen Stoff 
behandelnd, wird keine Specialität der wenigen, darin handelnden Per- 
sonen dulden. Sie werden Träger des Allgemeinen sein, für ganze Arten 
stehen müssen. Gewicht der Einzelnen wird zu ersetzen haben, was an 
Vielheit fehlt. Andern Falls würden wir nur den Eindruck einer Seene, 
nicht einer vollen Handlung bekommen können. 
Je besonderer der Inhalt des Dramas, desto mehr Ereignisse, 
Träger der Handlung u. s. W. sind also nöthig, die Besonderheit in's 
rechte Licht zu setzen. Wer den Wallenstein dramatisch behandeln 
will, bedarf, um einen richtigen ästhetischen Zusammenhang zu geben, 
einer Menge Ereignisse und Personen. Andernfalls würde der [Dichter 
nur eine Scene aus dem Leben Wallensteins oder doch nicht die ge- 
schichtliche Persönlichkeit geben können. Um zwei feindliche Brüder 
zu zeigen, braucht der Dichter nicht viele Figuien oder Ereignisse in 
Bewegung zu setzen. Die beiden Brüder und ein Object ihres Zwistes 
genügen nöthenfalls für diesen allgemeinen Inhalt. Je mehr Figuren und 
Handlungen nun aber der Dichter gebraucht, destomehr ist er wieder 
gezwungen, sich mit seinem Stoffe auszubreiten. Zwanzig oder dreissig 
handelnde, thätig eingreifende Personen lassen sich nicht auf einen 
Punkt zusammendrängen; sie würden sich nur im Wege stehen. Der 
Dichter muss sie so über mehrere Ereignisse vertheilen, dass sie zwar 
alle zusammen handeln und ihre Handlungen sich in einem Höhepunkt 
gipfeln, dass sie aber nirgends durch ihreVielheit verwirrend erscheinen. 
Wo nur wenige Personen verwandt werden, wird im Gegentheil sich die 
Handlung zusammenzuziehen haben. Statt der Vielheit in der Handlung
        

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