Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183420
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Dichtkunst. 
Die 
Sprache angepassten Versen, möglichst natürlicher Action u. s. W. eine 
unausstehliche Disharmonie erzeugen. Und während in diesem Prosa 
gebraucht sein darf, ist sie in jenem undenkbar. Die griechischen Tra- 
giker handelten richtig und die grossen englischen Tragiker ebenfalls. 
Sie hatten Stilgefühl. Stil aber besteht nicht in absoluter Einförmigkeit. 
Jeder derartige Uebergang in der Kunst muss richtig vermittelt sein. 
In der verschiedensten Weise kann nun der Dichter zu Werke 
gehen, der uns jene Wechselwirkung in richtiger Weise zeigt. In grossen 
Zügen bestimmt, kann er entweder den Menschen im Allgemeinen oder 
einen besondern Menschen zum Vorwurfe für sein Drama nehmen. Da 
WO er einen typischen, allgemeinen Character, den Menschencharacter 
behandelt, wird er auch das auf ihn Wirkende nicht in einer Besonder- 
heit sondern ebenfalls in seiner Allgemeinheit zu zeigen haben. Wir 
werden ein allgemeineres Menschenloos sehen. Der allgemeine Cha- 
racter wird auch ein allgemeines Schicksal verlangen, der besondere ein 
mehr besonderes Schicksal. Andernfalls würde leicht eine Disharmonie 
entstehen. 
Was nun aber diese Allgemeinheit und die Besonderheit, das Indi- 
viduelle der Auffassung betrifft, so ist kaum nöthig, wieder darauf hin- 
zuweisen, wie jene in der Kunst niemals schematisch sein darf, sondern 
stets von innerer Lebenskraft, von Eigenlebigkeit erfüllt sein muss, wie 
aber das Besondere durch die Kunst in die Allgemeiugültiglzeit zu heben 
ist. Das Verhältniss des Rein-Besondern, also z. B. des Zufälligen zur 
Kunst ist früher Gegenstand der Erörterung gewesen. 
Aus dem Gesagten folgt, welche bedeutende Einwirkung der Stoff 
auf die Behandlung haben wird. Wählt der Dichter ihn aus der Mythe 
oder Sage, denen allgemeine Ideen, dichterisch verkörpert, zum Grunde 
liegen, so wird auch eine allgemeinereBehandlung, also typische Charac- 
tere geboten sein. Andernfalls müsste er den ganzen Oharacter der Sage 
verändern, ihr ein anderes Leben einflössen, um keinen Bruch ZWISClIEII 
Inhalt und Erscheinung eintreten zu lassen. Ganz in derselben Weise 
wird der Dichter sich in der Allgemeinheit halten müssen, wo er uns 
eine typische Verkörperung eines Standes, einer Menschenklasse u. s. w. 
verführt, etwa den Schneider oder Schmied, den Geizigen oder lüsternen 
Frömmler, den echten Aristokraten oder den Mann des Volks, den 
Franzosen oder den Engländer u. s. w. Ein allgemein menschlich ge- 
fasster Oedipus und eine Personificirung etwa eines Geizigen verlangen 
beide, aus innerer Nothwendigkeit typische Behandlung. Man mag 
diese Art und Weise schätzen, wie man will; an sich ist sie richtig. 
Wenn der Dichter nun aber eine scharf sich aus dem Allgemeinen 
loslösende Persönlichkeit wählt, etwa eine historisch genau bestimmte, 
welche keine Allgemeinheit, sondern vor Allem sich selbt repräsentirt 
und Illlr durch ihre innere Wahrheit mit dem Allgemeinen zusammen- 
hängt, dann hat er in ihr auch nicht etwa ein allgemeines Menschenloos
        

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