Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183403
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Die Dichtkunst. 
eine einheitliche Handlung nicht an einem beliebigen Punkte abgebrochen 
werden, sondern ist in einem Zusammenhange vorzuführen. Dass der 
Zuhörer auch am Ende noch keine Ermüdung verspüren darf, indem 
sonst dem letzten Theile des in der Zeit sich abspinuenden Werkes 
grosser Schaden zugefügt würde, ist leicht einzusehen. Dass aber inner- 
halb der ihm zugemessenen Zeit der Dichter die Handlung derartig 
muss ausführen können, dass nirgends für uns darin Lücken vorhanden 
sind und sie uns vollständig in ihrem inneren Zusammenhange klar ge- 
worden ist, versteht sich ebenso. Danach hat er also wiederum seinen 
Stoff zu wählen und zu behandeln. Er kann keine Handlung zum Vor- 
wurfe für sein Drama brauchen, welche acht Stunden ununterbrochener 
Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen würde, während die Zuschauer 
nach vier Stunden sich ermüdet fühlen. In diesem Falle wäre er ge- 
nöthigt, den Stoff aufzugeben oder womöglich das Ganze in zwei 
grosse Theile zu zerlegen, deren jeder aber Selbständigkeit haben 
müsste; oder um die Zuschauer nicht bis auf den äussersten Grad an- 
zuspannen, würde er, wenn möglich, eine Dreizahl daraus bilden (Tri- 
logie), so dass längere Pausen zwischen den einzelnen Abtheilrlngeil 
Ruhepunkte gäben. In unseren Aeteinschnitten haben "wir im Kleinen 
dasselbe Princip, was wir etwa bei Trilogien, die über einen ganzen 
Tag oder über mehrere Tage dauern, im grösseren Maassstabe ange- 
wendet finden. 
Wesen und Erscheinung müssen einander entsprechen. Die innere 
Wahrheit des Inhalts, die Schönheit des Ausdrucks gelten hier wie in 
allen Kunstwerken. Sprache also, Form u. s. w. hat zum Inhalte zu 
stimmen und demselben nach allen Anforderungen des Schönen Aus- 
druck zu geben, vom Deutlichen, Richtigen an bis zu den Forderungen 
höchster Art. 
Was die kunstgeniässe Bildung der Sprache im Drama betriift, so 
ist über einige ihrer Formen schon gehandelt werden. In Zeiten, wo 
die Formen verknöchert sind, sehen wir den Künstler ihre Schranken 
durchbrechen; Ungebundenheit wird gegen die Starrheit gesetzt, bis all- 
mälig eine neue schöne Form wieder gewonnen wird. S0 sahen wir in 
der Zeit, wo die dramatische Sprache dem starren Zwange verfallen war 
und sich im steifen Alexandrinei- dahinquälte, von den kühnen N euerern, 
welche eine neue Zeit heraufführen sollten, den Vers gänzlich bei Seite 
geworfen. Die Ordnung des Dramas, sein Aufbau, seine Gliederung in 
Acte und Scenen galt für hinreichend, um das Kunstwerk erkennen zu 
lassen. Innerhalb dieser grösseren Ordnung keine andere mehr! Frei, 
natürlich sollte die Rede sich ergehen. Diese Charaktere, Welche den 
Formalismus, die Versteifung und Verzopfung des Lebens bekämpften, 
sollten nicht in einer gemachten Sprache sprechen, wofür man die Verse 
anzusehen gewohnt war, welche von Versmachern solange Zeit geschmie- 
det, nicht von Dichtern gedichtet waren. Lessings Sara Sampson, Minna
        

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