Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183351
Drama. 
Das 
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noch übergute, noch verschwimmende Seelen, welche ohne Rück- 
wirkung sich den Einwirkungen Anderer hingeben. [Dass ein blosses 
Schmerzerleiden, eine Empfänglichkeit für körperliches Weh die starren 
Charactere nicht brauchbarer macht, sei schon hier bemerkt. Ein ge- 
fühlloser Mensch wird dadurch für den Dichter nicht dramatisch brauch- 
bar, dass er ihn hinterher körperlich quälen lässt] 
Aristoteles folgert aus dem Satze, dass die Tragödie eine Dar- 
stellung von Begebenheiten bieten soll, welche Furcht und Mitleiden 
erregen, (siehe Abschnitt: Das Tragische) ebenso, dass in derselben 
weder untadelhafte Männer noch durchaus Böse vorgestellt werden dür- 
fen, wobei er freilich den Schicksalswechsel besonders betont. 
Das Drama lasst eine Handlung durch handelnde Personen ge- 
schehen. Die Handlung als Ganzes ist also die Hauptsache. Die Dar- 
stellung der Handlung wollen wir hier mit Aristoteles die Fabel nennen. 
Die Fabel ist somit das Erste; die handelnden Personen sind erst die 
Theile und stehen in dieser Beziehung in zweiter Linie. Die Menschen 
handeln ihrem Oharacter gemäss, aber "man handelt nicht, um seinen 
Charakter darzustellen, sondern macht durch seine Handlungen zugleich 
auch seinen Oharacter kund," sagt Aristoteles, dessen Worte von der 
Tragödie wir hier allgemein nehmen. „Daher sind die Thatsachen und 
die Fabel der Endzweck der tragischen Darstellung; der Endzweck aber 
ist in Allem das Höchste    der Grundhestandtheil also und gleichsam 
die Seele der 'l'ragödie ist die Fabel; das Zweite darin aber-sind die 
Charactere." Das Dritte nennt er die Gedanken: "dasjenige, mittelst 
dessen die Handelnden redend etwas darthun oder auch eine Meinung 
äussern." Es scheitern nun so viele dramatische Dichter deswegen, 
weil sie diesen Satz nicht begreifen und nicht das Ganze in's Auge 
fassen, sondern nur das Einzelne, und ihre Aufgabe darin iinden, 
Charactere von Menschen zu zeichnen und psychologische Zergliederungen 
derselben zu geben. Ihre Werke können alsdann nicht einheitlich zu- 
sammengehen, sondern müssen auseinanderfallen und sie werden sich 
gegen die Regeln der Kunst im Allgemeinen und des Drama's im Beson- 
dern in das Einzelne versplittern, statt das Einzelne zu einem Ganzen 
zusammenschiessen zu lassen. Nicht die Darlegung des Characters, 
sondern die Fabel, die Gesammthandlung bildet den Inhalt des drama- 
tischen Kunstwerks. (Die Bühnenroutine weiss dies und handelt da- 
nach, und hat deswegen wohl bei sonst schwachen Kräften oft; so 
grossen Erfolg, während die bedeutendsten Talente, falsche Wege ver- 
folgend, sich oft auf's Aeusserste abquälen, ohne den sogenannten 
Biihnenelfect zu erreichen. Dieser Bühnenerfolg liegt nicht in dieser 
oder jener Kraftscene, sondern in der Handhabung des ganzen Stoffes 
nach dem soeben ausgesprochenen Grundsatze, welchen anzuerkennen 
und die Unterordnung der Characterzeichnung unter die Gesammthand- 
lung durchzuführen, so manche Dichter sich nicht entschliessen können.)
        

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