Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183324
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Die Dichtkunst. 
vom reinen Empfinden zum reinen Handeln ist nichts gethan. Das lyri- 
sche und epische Nebeneinanderrund Auf- und Ab- und Hin- und 
Widerspringen von einer Thätigkeit in die andere giebt keine Ver- 
schmelzung. Ein Epos wird dadurch kein Drama, dass man die Worte 
des Erzählers streicht und die Reden, welche er etwa in directer Weise 
giebt, von verschiedenen Persönlichkeiten aufführen lässt. Man lasse in 
Rede und Antwort die schönste Lyrik von Personen vortragen und es 
ist doch noch keine Handlung damit gegeben: ebensowenig aus dem 
Nebeneinander von epischen und lyrischen Stücken. Das Drama 
muss ein einheitliches organisches Gebilde sein, in welchem Alles leben- 
dig in einander übergeht. Dass manche Völker oder manche Zeiten 
nicht über das lyrisch-epische Nebeneinander hinwegkommen können 
und, wie z. B. unser Mittelalter darin stecken bleiben, mag auf die 
Schwierigkeit solcher lebendigen Verschmelzung aufmerksam machen. 
Menschliche Handlungen bilden den Inhalt des Drama's. Das Epos 
erzählt das Gewordene; die Lyrik drückt einen Zustand, ein Sein aus. 
Das Drama zeigt uns das Werden. 
Im Epos ist ein Erzähler der Vermittler und zwar ein solcher, der 
die Geschichte bis zum Ausgang seiner Erzählung keimt, der also das 
Kommende weiss und uns schon beim Beginn sagen kann, wie das Ende 
war, der im ganzen Verlaufe uns dasselbe andeuten oder vorhersagen 
und sich darauf beziehen kann. 
Im Drama haben wir in jedem Augenblicke handelnde Gegenwart, 
ein Sein im steten Uebergang zum Werden; die Persönlichkeiten, welche 
die 'I'rager der Handlung sind, stehen für sich da. In dieser zur Zukunft 
führenden Gegenwart ist deshalb an sich das Zukünftige durchaus un- 
bekannt und nur zu vermuthen, nie zu wissen. Die Handlungen machen 
das Ergebniss. Der Dichter darf also durchaus nicht als ein dasselbe 
Wissender erscheinen, wie der Epiker. Ein Drama, bei welchem der 
Schluss nicht eine Folge des Voraufgegangenen ist, sondern bei dem 
man merkt, dass auf einen bestimmten Schluss mit Absicht hingearbeitet 
wird, ist ein Widersiun; ein Beziehen des Dichters oder der-Personen 
auf das Ende als ein genau Bekanntes, was dem Epos durchaus ent- 
spricht, wird im Drama als ein an sich Unmögliches im besten Falle 
komisch; sonst ist es ein plumper Fehler, ein Unsinn. Nur die Ahnung, 
Vermuthung, Befürchtung, auch die feste Ueberzeugung, dass etwas so 
und so kommen müsse, weil so und so gehandelt ist, kann im Drama 
herrschen; aber kein Wissen, bis die Wirklichkeit des Geschehens ein- 
tritt und von Moment zum Moment zum Ende führt. 
Der epische Erzähler soll objectiv berichten und selbst so viel als 
möglich zurücktreten. Aber im Drama ist gar kein Erzähler, kein 
Mittelglied zwischen Handlung und uns vorhanden. Die Hälllllung geht 
in lyrischer Unmittelbarkeit vor sich d. h. nur die Handelnden sind da 
und sprechen sich aus. Der Dichter ist dabei gar nicht thatig; er ist
        

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