Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183240
Dichtkunst. 
Die 
Prinz Eugenius wohl auf der Rechten. 
Thät als wie ein Löwe fechten 
Als General und Feldmarschall. 
Prinz Ludewig ritt auf und nieder: 
„Halt't euch brav, ihr deutschen Brüder, 
Greift den Feind nur herzhaft an!" 
Prinz Ludewig der musst" aufgeben 
Seinen Geist und junges Leben, 
Ward getroffen von dem Blei; 
Prinz Eugenius ward sehr betrübet, 
Weil er ihn so sehr geliebet, 
Liess ihn bringen nach Peterwardein. 
Weris so nicht lernt, der lernfs nicht. Kein Professor kann's ihm 
sagen. Einige Wege sind schon angegeben, z. B. dass die Volksdichter 
es gerne dem Hasen nachmachen. Grad' aus, grad' aus, aber husch, 
nun einen Satz bei Seit" und auf einer andern Flucht, sehliesslich aber 
schon wieder in's alte Nest. Oder wenn er von seinem Schatz singt, 
dann um Himmelswillen nur verschwiegen, denn: 
Die Dornen und Disteln, die stechen gar sehr, 
Die alten Weiberzungen, die stechen noch mehr 
und da muss er thun, als wenn's gar kein bestimmter Schatz wär, aber 
wenn er die Nachtigall hört, der kann er's sagen, und wenn efs Wasser 
iliessen sieht, dem darf er thalab einen Gruss mitgeben und mit dem 
Falken sollen seine Wünsche Biegen, aber wenn er seinen Schatz trifft, 
dann  soll er nicht singen, sondern fein still sein. 
S0 das Volkslied. Gleich ihm, nur je nach den besonderen Sphären 
des Geistes, in welchen der Dichter sich bewegt, verschieden, entstehen 
alle guten Lieder. Tiefes Gefühl bewegt die Seele und lässt alles 
Schöne, Süsse, Kräftige, Traurige u. s. w. heraufurogen, so dass Schönes 
sich zum Schönen ordnet. Der Dichter sucht und wählt dann nicht; 
magnetisch zieht seine Empfindung das ihr Zusagende, zieht Eins das 
Andere aus allen Anschauungen und, Empfindungen an sich heran. Er 
weiss selbst oft nicht, wie das Lied entsteht. Er kann die Stimmung 
dafür nicht wecken; sie kommt und geht wohl, ohne dass er sie halten 
kann. Die Bildung des Volksliedes ist, wie schon gesagt, nur in der 
Art vom sogenannten Kunstliede verschieden, dass bei ihm ein aus dem 
Gedächtniss naehsingender Sänger die ihm fehlende Reihe oder Strophe 
ergänzt oder ohne Weiteres im lebendigen Gefühl eine neue Idee ein- 
schiebt. Das vollständig herausgearbeitete Gedicht des Kunstpoeten 
verträgt dies seltener; dann kommt auch die feste Art der Ueberlieferung 
hinzu. Sie geschieht durch das gedruckte und gewöhnlich nur gelesene 
Wort. Das durch mündliche Ueberlieferung verbreitete Lied wird in 
der angegebenen Weise vielfach verändert, erweitert, verkürzt. Allmälig
        

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