Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183213
Lyrik. 
Die 
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Wenden wir uns zum eigentlichen Lied, so gilt es auch hier, auf 
den Unterschied des sogenannten Volksliedes und Kunstliedcs aufmerk- 
sam zu machen; doch muss auf das beim Epos Gesagte zurückgewiesen 
werden. Wenn der Dichter ein schönes Lied dichtet, welches nicht einer 
besondern Culturstufe allein, sondern dem ganzen Volksleben entspricht, 
 es kann so hoch in Gedanken sein, wie es will, wenn dieselben nur 
poetisch sind und wenn nur der Ausdruck kräftig und einfach-edel ist 
 so ist dies Kunstlied auch Volkslied; wenn ein Volkslied voll schön 
sein soll und nicht romantisches Bruchstück, so muss Kunst sich darin 
zeigen. Die Kluft zwischen unserer Volks- und unserer Kunstpoesie 
besteht meistens darin, dass die, Kunstpoesie Standespoesie ist, die 
Volkspoesic durch ihre innere Willkürlichkeit die Befriedigung ver- 
missen lasst. Viele Lieder Göthes, mehrere von Uhland, Heine u. A. 
zeigen, dass der Widerspruch kein unlöslicher ist. Gemeiniglich ver- 
steht man unter Volkslied eine lyrische Weise, welche durch die Liebe 
des Volkes getragen, von Mund zu Mund gehend, jedes dem allgemeinen 
Volksgefühl Widersprechende abgestossen, durch Zu- und Umdichtung 
aber das demselben Zusagende aufgenommen hat. Dadurch bekommt 
es meistens den tiefsten, sinnigsten Gehalt; es wird der vollste lyrische 
Ausdruck nach Jubel und Trauer, in Liebe und Wehmuth und Spott. 
Sehr häufig erhält es aber auch etwas Springendes, ja Unverbundenes; 
die Verse laufen neben einander her; einer stimmt wohl nur halb- 
wegs zum andern. Aus einer Fülle wird beliebig zusammengesetzt. 
(Man kann für ein Lied meistens mehrere Lesarten finden; manches 
Gedicht, was vielleicht in einer Gegend dreistrophig gesungen wird, kann 
in einer andern acht oder funfzehn Strophen haben. Das Volk redigirt 
oft nicht minder willkürlich, wie es die Verfasser von: des Knaben 
Wunderhorn zuweilen gethan haben.) Nun darf zwar die Lyrik nicht 
einen streng logischen Gedankenztisammenhang zeigen wollen; aber sie 
muss ihn doch besitzen und errathen lassen; mit dem überromantischen 
Znsammen- und Durcheinanderwürfeln ist nirgends etwas gethan und 
dürfen die Fehler vieler Volkslieder nicht für nachahmungswürdige Vor- 
züge angesehen werden, wie dies Seitens mancher Romantiker geschah. 
Das gute Volkslied aber wird immer der Ausgang wie das Ziel jedes 
echten Liedes sein.  
Wie aber es fassen, wie es nach allen seinen verschiedenen Rich- 
tungen characterisirenl Was anders sagen, als dass es ganz Empfin- 
dung ist, die sich in Anschauung umsetzt und wieder die Empfindung 
so mächtig rührt! Dass es immer echt lyrisch, also ein Sang ist! Ich 
denk', wir ziehen einmal mit wackeren Gesellen, die Kopf und Herz auf 
dem rechten Fleck haben, ob ltliner drunter etwas zu gestehen hat 
Mitten im Wald und auf der Halde, da singt er's dann schon, wennts 
auch nicht immer klingt nach allen Regeln. Horch, es ist noch ein 
junges verschämtes Blut-r
        

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