Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183207
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Die Dichtkunst. 
Die einfache Erzählung stellt, auch wo sie innerlich noch so dra- 
matisch bewegt ist, nie Redende ohne eine vom Dichter gegebene Ver- 
bindung: „Da sagte er" u. s. w. neben einander. Die dramatische 
Ballade thut dies in einer Weise, dass wir oft Alles, das Geschehene wie 
den Fortgang der Handlung, aus den Reden ergänzen müssen. So z. B. 
in dem bekannten: „Dein Schwert, wie ist's von Blut so roth, Edward, 
Edward!" 
Es ward schon gesagt, dass es oft schwierig ist, Balladen zu classi- 
ficiren und anzugeben, worin ihr mehr objectiver oder subjectiver Ton 
liegt. Man fühlt häufig mehr das Walten der dichterischen Subjectivität, 
als dass es sich genau angeben liesse. Es drückt sich aus in der ganzen 
Art und Weise, wie der Dichter die Erzählung anfasst, ordnet, was er 
herausgreift und hervorhebt oder verschweigt. 
Bei vielen Gedichten, z. B. manchen der schönsten Schillefschen 
Erzählungen, ist Streit, ob sie Romanzen oder Balladen zu nennen sind. 
Schiller hat den Kampf mit dem Drachen eine Romanze genannt, viel- 
leicht wegen des ritterlichen Inhalts, des romantischen Drachen-Aben- 
teuers. Bürgschaft. Ring des Polykrates u. s. w. nennt er Ballade; An- 
dere wollen diese Erzählungen, weil sie auf südlichem Boden spielen, 
Romanzen nennen. Es soll keine gewöhnliche Aushilfe sein, wenn be- 
hauptet wird, dass manchen der Schillefschen sogenannten Balladen, 
wie z. B. den genannten: Bürgschaft, Ring des Polykrates, Taucher, 
weder die eine noch die andere Benennung zukommt; sie bilden eine 
durchaus eigene, aus dem Studium der Antike hervorgegangene dich- 
terische Erzählungsart, die weder balladen- noch romanzenhaften Ton 
hat. Eine Menge derartiger Gedichte sind einfach als erzählender Art 
aufzuführen, ohne dass man sie streng classificiren und sie einfach unter 
Ballade oder Romanze registriren kann. 
Die subjectivere Behandlung liebt in der Gegenwart zu erzählen: 
Der 
König 
wirft von 
und 
Spfißllt 
der 
Höh' 
"Und nlunter fördern er die Schritte 
Und sieht sich in des Waldes Mitte" 
Dieser Gebrauch des Präsens belebt häufig, aber man vergesse nicht, 
dass es auch unruhig machen kann. Es erzählt weniger, als es schil- 
dert, malt. In der Erzählung bringt es leicht eine eigenthümliche Wir- 
kung hervor. Wir schauen uns nach dem Erzähler um; gerade weil er 
sich anscheinend ans dem Spiele lassen will und so thut, als ob wir 
Alles selbst sehen, werden wir auf ihn aufmerksam. Hat er uns vorher 
in die höchste Mitleidenschaft versetzt und geht er dann in's Präsens 
über, S0 ist das ein Anderes. Dann sehen wir nur das Bild: andern- 
falls aber blicken wir zu leicht nach dem Erklärer des Bildes. Statt ob- 
jcctiv zu machen, macht eine solche Weise dann subjectiver.
        

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