Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183183
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Die Dichtkunst. 
Unsere Lyrik hatte keine selbständige Entwickelung (siehe Wacker- 
nagePs Geschichte der deutschen Literatur). Wohl löste sie sich aus 
dem Epischen ab, wie die griechische, wurde wie diese gesungen, mit 
Musik oder mit Musik und Tanz verbunden, wohl nahm sie selbständige 
Anläufe in den verschiedenen Arten des Tanzliedes, Brautliedes, Spott- 
liedes u.  aber es blieb bei den Anläufen; sie wurde nicht eigen- 
thümlich zur_schönen Reife gebracht, sondern durch die fremdländi- 
sehen Vorbilder beeinflusst und zum Theil erstickt. Was sich unter 
Piiege der höheren Geister der vornehmsten Stände national hätte 
gestalten können, musste verkümmern, als jene nun die Lyrik der 
Franzosen und Provengalen nachzubilden begannen und sich zum Theil 
spöttisch gegen die Volkslyrik stellten. 
Die Nachahmung der Fremden konnte niemals die volle Lebensfülle 
und Freude bieten: in der Nachbildung der Formen und Uebertreibung 
derselben zeigte sich wie immer der Nachahmer-Character; die Herüber- 
nahme einer Gefühlsrichtung, die in dieser Weise dem Deutschen fremd 
war  der Minne-Verherrlichung, der doch bei den meisten Sängern 
die sinnliche Gluth fehlte, die schon dem Franzosen mehr, dem Proven- 
calen ganz eigenthümlich war und die man nicht wie der Franzose durch 
Humor zu beleben verstand  dies Alles konnte auf unsere Lyrik nicht 
besonders wohlthätig einwirken; die höfische Lyrik hatte nur eine 
kurze Blüthezeit und keine nachhaltige grosse Wirkung. Die lateinische 
Dichtung hatte befruchtet; die romanische Lyrik, so vollständig wie 
möglich, herübergenommen, entzog der volksthümlichen deutschen 
Lyrik den besten Boden, entzog ihr Saft und Kraft; üppig lief sie auf, 
aber um bald zu verdorren. Die natürliche Entwickelung war aber ge- 
hemmt. Nur langsam ist die Erholung gewesen. Das 13. Jahrhundert 
hat nicht bloss in politischer Hinsicht bis auf den heutigen Tag auf uns 
Einfluss gehabt! 
Wir haben im Epos das rein epische Volkslied besprochen. Auch 
die Volkslyrik behält durchgängig episches Element. In vielen Dich- 
tungen der Art wird es sehr schwer, zu bestimmen, was vorwiegt: das 
Lyrische oder das Epische. Oft besteht das Lyrische in der allgemein- 
sten Färbung, nach Trauer, Sehnsucht oder dergl. hinüber. Oft mischt 
sich nur hie und da ein Laut der Subjectivität hinein. 
Stellen wir zu dem epischen Volksliede die Ballade und Romanze. 
Wir haben die Ballade hauptsächlich von den Engländern und Schotten 
herüber-genommen; unser eigenes lyrisch-episches Volkslied hat sich 
durchschnittlich nicht so kunstvoll, einheitlich gestaltet, blieb zu oft im 
Aneinanderreihen lyrisch-epischer Gedanken und im Allgemeinen stecken. 
Im Norden  England, Schottland, Dänemark u. s. w.  ward aber die 
künstlerische Rundung zugleich mit schärferer Oharacteristik im lyrisch- 
epischen Volkslied vielfältig durchgeführt. Die zu lyrische Verallge- 
melllerllng in: Knabe, Jüngling, Jungfrau, ein stolzer Ritter, ein Kö-
        

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