Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183141
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Die Dichtkunst. 
nicht bald Form, bald Inhalt maassgebend gemacht wird. Nur eine ganz 
ausführliche Behandlung möchte über diese Schwierigkeiten siegen 
können. Gerade in der Lyrik ist auch sonst, wie man sehen wird, die 
Vermischung der Stile fast noch mehr Regel als Ausnahme, was ihre 
Darlegung erschwert. 
Da die griechische Lyrik in mancher Beziehung die selbständigste 
Entwickelung zeigt und von höchster Bedeutung für alle spätere Lyrik 
bis auf unsere Zeit geworden ist, so mögen mehrere ihrer wichtigeren 
Formen hier eine Stelle finden. 
Wir sehen die Lyrik im Epos in mannigfacher Weise vorgezeich- 
net z. B. im Homer in den Todtenklagen, in den sogenannten homeri- 
schen Hymnen u. s. w. 
Eine Form der Lösung der Lyrik aus den epischen Banden ward 
die Elegie mit der Form des Distichon; zu dem erzählenden Hexameter 
wurde der Pentameter hinzugefügt (seine Dactylen der zweiten Hälfte 
sollen womöglich nicht spondeisch zusammengezogen werden). Erzäh- 
lung und Gefühlsausdruck ist in der Elegie mit einander verbunden; 
beides spricht sich auch in der Form aus. Der Fluss der Erzählung 
und des Hexameters wird durch das Gefühl und den gebrochenen Pen- 
tameter verlangsamt und oft wie gehemmt, abgebrochener gemacht. Der 
Inhalt, der Stoff für die Elegie muss natürlich dem entsprechend sein 
und Erzählung und Empfindungsmomente darbieten. Durchaus nicht 
nöthig ist trauriger Inhalt oder gar Todtenklage allein; die Elegie kann 
auch freudige Ereignisse behandeln. Wenn ihr Gefühlsausdruck im 
Ganzen ein gemässigt heiterer ist, wird sie oft noch an die Idylle streifen. 
Schiller und Göthe, um nur von diesen zu sprechen, haben uns eine 
Reihe der schönsten Elegien gedichtet, auf welche statt auf echt grie- 
chische zu weisen, unserem Zweck angemessen und somit erlaubt sein 
möge. So z. B. Schillers Spaziergang: 
Sei mir gegrüsst, mein Berg, mit dem röthlich strahlenden 
Sei mir Sonne gegrüssm, die ihn so lieblich bescheint!    
Gipfel, 
sei auf Göthds herrliche Euphro- 
Für die Elegie als Todtengesang 
syne verwiesen:  
Auch von des höchsten Gebirgs beeisten zackigen Gipfeln 
Schwindet Purpur und Glanz scheidender Sonne hinweg  . 
Seine römischen Elegien, sein Pausias, Amyntas und Alexis und 
Dora liefern andere Muster, die sich mit dem Besten, was geschaffen 
worden in der Elegie, messen können.  
Die, ursprünglich zur Flöte vorgetragene Elegie ist der Ausdehnung 
nach nur im Allgemeinen beschränkt; kein lyrisches Gedicht kann in 
einem Zuge wie die Erzählung sich ausbreiten; je weniger Erzählung, 
desto kürzer muss das Gedicht sein, wenn wir nicht eine Häufung leiden-
        

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