Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183122
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Die Dichtkunst. 
Gar bar lit wit walt kalt, 
Snä wä tuot, gluot si bi mir. 
Gras was ä, klö. spranc blanc 
bluot guot schein: ein hac pflac 
(Ganz baar liegt weit Wald kalt, Schnee weh thut, Gluth sei bei mir. 
Gras war eh, Klee sprang blank, Blüthe gut schien, ein Hag pilag ihr). 
Zum kurzen Hinweis, wie Form, hier das Umsetzen aus drei 
in zwei Hebungen und die kurzen Maasse, eharaeterisirt, folgende 
Verse: 
Es schleicht ein zehrend Feuer 
Durch mein Geheim, 
Mein Schatf ist mir nicht treuer 
Als diese Pein. 
Ich höre die Stunden ziehen 
Trübeu Gesichts, 
Sie kommen, weilen, fliehen  
Und ändern nichts. 
(Geibel: 
Meiden.) 
Wie der Reim durch sein Eintreifen oder Aussetzen bewegt, 
aus Julius Grosse's Gedichten: 
dafür 
In der Mondnacht auf den Lindenbaum 
Bin ich gestiegen; 
Schauernde Wipfel rauschten leise kaum 
Im Windeswiegen. 
Der Baum bis hoch zu ihrem Erker blüht, 
Sie noch zu schaun entbrannte mein Gemüth. 
Kam doch kein Schlaf den heissen Sinnen  
Und rings die Vögel aus ihrem Traum 
Flogen aufgestört von binnen. 
Hier setzt Versmaass, Reihe und Reim unruhig um. Der Reim der 
vorletzten Reihe greift noch einmal wieder zurück; wir meinten ihn ver- 
klungen, da kehrt er wundersam wieder und stellt sich unruhig zwischen 
die beiden letzten Reime. 
Wir kommen zur Strophenbildung. Da wo Gedanke sich eben- 
massig an Gedanken reiht, wird ebensowenig eine besonders scharfe 
Gliederung verlangt, als dort, wo Thatsache an Thatsaehe gestellt wird. 
Genug wenn hier für das Singen oder Sagen in passenden Abschnitten 
Abschlüsse des Sinnes und Verses zusammen eine strophenähnliehe 
Gliederung geben. Dort aber, wo ein Gedanke in seinen einzelnen 
Theilen sich als ein Ganzes aufbaut undinnerhalb eines grösseren Ganzen 
sich fest zusammen schliesst, mit eigenem Anfang, Steigerung und Ab- 
schluss, dort ist auch eine ihm entsprechende Strophenbildung noth- 
wendig. Sie kann in der verschiedensten Weise geschehen. Wir sehen 
z. B. in der Stanze den Doppelreim die dreifach im Reim sich durch- 
Sehlingenden Versreihen schliessen. Bald muss ein dreifacher Reim die
        

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