Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183065
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Dichtkunst. 
Die 
Empfindung bis zu diesem subjectiven klaren Begreifen des Lebens, der 
WVelt geht die Lyrik. Das Subject setzt zu höchst sein Ich darin gegen 
das All. 
Das Gebiet ist gross; es wäre ein vergebliches Bemühen, es genau 
bestimmen, eintheilen und beschreiben zu wollen. Wir sahen überdies 
schon, wie unmöglich es oft ist, feste Gränzen zu setzen. Aussenwelt und 
Innenwelt bestimmen einander; oft ist nicht zu entscheiden, wo jene 
oder diese in der Art vorherrscht, dass wir von einer epischen oder von 
einer lyrischen Erzählung reden müssen. Der Dichter kann Alles bis 
auf seine Empfindungen wegwerfen, aber er kann auch nur mit Dingen 
neden, um doch nur von sich zu sagen, oder doch stets seine Empfin- 
dungen dabei durchklingen zu lassen. Und ebenso kann er beide durch- 
einander Hiessen lassen. 
Der Lyriker spricht also durchgehends von sich. Nach den ge- 
wöhnlichsten Erfahrungen des Umgangs schon kann man ermessen, wie 
leicht dieses Voranstellen der Snbjectivität gäliährlich wird. Es muss 
Einer schon viel in seiner Persönlichkeit zu bieten haben, _muss uns 
innig fesseln können, wenn wir mit dieser Geltendmachung seiner Sub- 
jectivität uns zufrieden finden sollen. In der Erzählung verzeihen wir 
eher dem Dichter; er ist oft durch den Stoff gewissermaassen entschul- 
digt. Wir sagen uns, dass der Stoff nun einmal nicht anders sei, so 
dass weniger interessante Stellen nicht übergangen werden durften, um 
die wichtigen zu verbinden, und so geben wir den Thatsachen weit eher 
Schuld, als dem Erzähler. Aber wer uns mit seinem Ich kommt, dem 
gestehen wir keine solche Entschuldigung zu. Er soll uns in Frieden 
lassen mit dem, was uns nicht besonders gefällt. Hier hat gleichsam 
Jeder für den Hausbedarf. Kraft, Tiefe des Gefühls, dann aber im All- 
gemeinen Kürze  das könnte man als nothwendig schon auf diesem, 
trivial zu nennenden Wege erkennen. Ist irgendwo Gedrängtheit, Con- 
centrirungnöthig, so in der Lyrik. Das Schwächere, die verbindenden 
Mittelempfindungen müssen heraus. Wir kennen das Alles ganz genau; 
wir empfinden ja selbst. Die Thatsachen, welche der Epiker erzählt, 
können wir nicht errathen; eine ganz andere mag geschehen sein, als 
wir vermutheten, aber wie der Epiker schon mit seinen Erklärungen 
zurückhalten musste, weil wir die ebensogilt anstellen können, so darf 
der Lyriker noch weniger jeden Fuss breit der gewöhnlichen Wege des 
Emplindens, Denkens u. s. w. uns vertreten wollen. Er hat in allen 
solchen Fällen vom Bedeutenden zum Bedeutenden zu gehen. Er ist 
langweilig, wenn er genau sein will. Er muss gleichsam in Sprüngen 
gehen; er hat nicht Fuss vor Fuss zu schieben, um in verkehrter Weise 
Zusammenhang geben zu wollen. Er darf nicht vergessen, dass wir 
mitdichten", mit ihm gehen und für die kleineren Schritte Manns genug 
sind, sie selbst allein zu machen. Er giebt uns den bedeutenden Stand-  
Punkt, die Richtung, und führt llIlS nun von einer schönen oder mäch-
        

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