Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183057
Die 
Lyrik. 
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Scott ist darin oft Muster. Der Roman wird dadurch an die Wirklich- 
keit geknüpft und verliert das Schemenhafte, das ihm sonst leicht anklebt 
und gegen die Prosa disharmonisch absticht. 
Auf alle einzelnen Arten der Erzählung ist hier nicht einzugehen, 
auf Anecdote, Schwank, gewöhnliche Erzählung u. s. w. Nur noch der 
Novelle sei hier gedacht. Sie entstand in Italien im Gegensatz zu den 
Erzählungen der Heldengeschichten und deren ausführlicher epischer 
Behandlung.  Die Novelle ist die Erzählung eines, ursprünglich 
in der naheliegenden Vergangenheit Geschehenen, die alles Beschrei- 
ben, alle Einzelschilderung der umgebenden Natur, der Menschen u. s. w. 
ausschliesst, welche der breitere, umfassende Roman gestattet. Die 
Novelle giebt eine einzelne Geschichte in einfacher Weise, der Roman 
die Einheit in einer Reihe von Handlungen. (Goethe's Wahlverwand- 
schaften stehen zwischen Novelle und Roman; die Geschichte der un- 
glücklichen Liebe der beiden Paare ist romanhaft breit ausgedehnt; die 
Beschränkung der Dichtung auf dieses Liebeereigniss engt wieder die 
Geschichte als Roman ein und macht sie zur Novelle.) Die wahre No- 
velle giebt wegen der Anforderung des stetigen Flusses, der Klarheit 
und Einfachheit der Erzählung ein treifliches Probestück für einen guten 
Erzähler ab. 
III. 
Die Lyrik. 
In der epischen Dichtung erzählte uns der Dichter von der Aussen- 
welt, er selbst trat zurück. Er gab seine Anschauungen; die Begeben- 
heiten und Dinge waren die Hauptsache; er war nur der Mund, der ge- 
treu und schön zu erzählen hatte. In der Lyrik dagegen tritt seine 
Persönlichkeit, seine Innerlichkeit voran; hier setzt er vor Allem seine 
eigenen Gefühle. Wenn es sich um Dinge der Aussenwelt handelt, dann 
ist es nicht die objective Beurtheilung, sondern seine besondere, subjec- 
tive Auffassung, worauf es ankommt. 
In der Lyrik hat das Menschen-Ich sich selbst gefunden: anfangs 
sich selber freilich nicht begreifend, singt und sagt es seine Gefühle, die 
sich kaum den allgemeinen unbegriHenen Zuständen , wie sie in den 
Tönen sich ausdrücken, zu entringen vermögen. Es ist halb Ton, halb 
Sprache. Aber mehr und mehr, klarer und klarer erfasst es sich. Dm- 
traumartige Zustand ist nicht Bedingniss in der Lyrik. Der Menschen- 
geist erkennt sich, und der Welt stellt er sich gegenüber. Es ist das 
Ich der Lyrik, was im Bewusstsein seiner Eigenart die Welt einsaugt 
und ausstrahlt, es ist der Geist, der die Welt von sich aus umfasst, die 
Seele, drin sie sich spiegelt. Vom gleichsam unbewussten Stammeln der
        

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