Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183026
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Dichtkunst. 
Die 
Aufgabe gemacht zu haben scheinen. Ein Roman als Kunstwerk soll 
Einheit haben. Einheit der Person giebt noch keine genügende Einheit. 
Hundert Geschichten von einem Manne erzählt, geben noch keine ein- 
heitliche Erzählung. Alles Aneinanderreihen von Abenteuern, Anec- 
doten u. s. w. hat also noch nichts mit Einheit des Kunstwerks zu thun, 
welches höhere geistige Zusammenfassung verlangt. Und zwar muss 
diese kräftig walten, darf aber nicht sichtbar bloss liegen. Die Idee 
muss die Mannigfaltigkeit des Erzählten verbinden wie die Schnur die 
Perlenreihe, aber eine zu lose und unterbrochene Reihe, welche jeden 
Augenblick den Faden durchscheinen lässt, ist unschön. Nehmen wir 
die Odyssee auch hier als Beispiel, so ist des Odysseus Sehnsucht und 
sein Bestreben in die Heimath zurückzukehren die treibende Kraft. In 
den Abenteuern ist Maass gehalten und ist Mannigfaltigkeit, nicht bloss 
Vielheit gegeben, sie zeigen den zur Heimath und Gattin Strebenden im 
schönsten Lichte; Gefahren von den Elementen, wilden Völkern so 
wenig, wie göttliches Wohlleben und Götterliebe bei der Circe und 
Kalypso und menschliche Glückseligkeit bei den Phäaken vermögen ihn 
zurückzuhalten. Der Dichter hat sich wohl gehütet, was ihm leicht ge- 
worden wäre, noch zwanzig Abenteuer zu erzählen, so dass die Vielheit 
oder selbst Mannigfaltigkeit die Einheit überwuchert hätte. Dem Streben 
des Odysseus steht das retardirende Schicksal, der Zorn Poseidons 
u. s. w. entgegen. Die Mannigfaltigkeit der Lagen wird dadurch herbei- 
geführt. ln ähnlicher Weise muss nun jede Einheit durch Mannigfaltig- 
keit und Wechsel aufgelöst werden. Hierbei ist zu bemerken, dass man 
dies für den Wechsel und die Mannigfaltigkeit einer umfassenden 
epischen Dichtung nothwendige Hinausschieben des Ziels nicht der Art 
auffassen und übertreiben muss, dass der Held des Romans durchaus 
eine retardirende Persönlichkeit sein müsse. 
Er kann es sein und der Dichter kann die äusseren Umstände wir- 
ken lassen, um ihn fortzuschieben und die durchaus nöthige Bewegung 
hervorzubringen. Er kann aber auch durchaus energisch sein und die 
Umstände werden dann die nöthige Breite bewirken müssen, um ihn in 
den verschiedensten Lebenslagen zu zeigen. Die letztere Behandlung 
wird im Allgemeinen wegen ihrer Lebendigkeit vorzuziehen sein; die 
erste zeigt viel Neigung für die didactische, also weniger dichterische 
Entwicklung und verfällt eher der Breite und Langweiligkeit. Göthe 
begann den Wilhelm Meister mit dem Helden als strebender Persönlich- 
keit; doch für das Streben, worin er begann, wusste er keinen richtigen 
Ausgang; es war zu sehr angelegt auf den Schauspieler und das Schan- 
spielleben; statt dass Wilhelm, nachdem er das Bühnenleben durch- 
gemacht, energiseh das höhere wirkliche Leben, dessen schönen Schein 
der Schauspieler vielfach giebt, activ zu gewinnen sucht, macht ihn der 
Dlßhter dann mehr zum passiven Helden, so weit man von einem passi- 
veu Helden sprechen kann. Nun fehlt aber der Schwung, die treibende
        

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