Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1183001
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Die Dichtkunst. 
halt hat die Form zu entsprechen. Hochideale Vorstellungen und dem- 
gemässc Bilder, ein nur auf das Phantasieschöne gerichteter Gedanken- 
gang verlangt den Vers oder poetischen Ausdruck irgend einer Art; 
die gewöhnliche Rcdeweise der Wirklichkeit in ihrem Wechsel von 
asthestischen, wissenschaftlichen und ethischen Elementen verlangt auch 
entsprechenden Inhalt. Es lässt sich schon daraus ersehen, dass auch 
die Prosa für eine Dichtung besonderer Art sein muss. 
Je kleiner der Inhalt, desto mehr, könnte man behaupten, muss die 
Sprache auf das dichterische Element berechnet werden. In dem grossen 
Roman ist das Ganze die Dichtung; die einzelne Stelle ist ein so kleines 
Theilchen, dass sie an sich nicht von hervorragender Wichtigkeit ist. 
Das Schicksal, die Idee, die ganze Handhabung des dichterischen Stoffs 
113.011 den grossen ästhetischen Anforderungen lassen den Roman innner 
Dichtung bleiben; im Einzelnen verträgt er auch das wissenschaftliche 
und ethische Moment; je mehr derselben er zählt, desto gewöhnlichere 
Redeweise wird er oder muss er zeigen, um nicht zum Inhaltsfehler 
auch noch den der Disharmonie mit der Form zu machen. 
Die Prosa, sagt Aristoteles, darf weder wie Verse abgemessen sein, 
noch auch alles Zeitmaasses entbehren    denn das Unbestimmte und 
Regellose ist unerquicklich und unfasslich. Was nun Alles bestimmt und 
regelt, ist die Zahl, und die Zahlbestimmung für die äussere Form der 
Rede ist eben das Zeitmaass, von dem auch die Versfüsse Abschnitte 
sind. Deshalb muss eine Rede ein Zeitmaass haben, aber kein Vers- 
maass." Dies gilt allgemein, aber ganz besonders hier. 
Das Zeitmaass für die Prosa der Dichtung ist sehr verschieden, 
bald kurz, bald lang, so gut kurze und lange Verse in Dichtungen ge- 
braucht werden. Nie darf eine dichterische Prosa aber Längen ge- 
brauchen, wie etwa schon die Prosa der Geschichte oder gar allgemeine 
wissenschaftliche Redeweise, weil alsdann ganz der Sprachrhythmus 
dem Ohre verloren geht. Man sehe sich das Mäihrchen, sowie Sprich- 
wort und Fabel an, welche ihrer Didactik wegen Neigung zur prosaischen 
Behandlung haben, wie kurz gemeiniglich ihr Zeitmaass ist: Es war 
einmal ein König, der hatte 3 Söhne, die waren ihm gar lieb. Und da 
er sterben sollte, da gab er dem ersten Sohne das Reich und alle fahrende 
Habe u. s. w. Oder die Erzählung: Nun pflog der Schmied in der Rula 
grosser und harter Arbeit bei Nacht, und brannte und hitzte das Eisen 
und schlug dann mit dem grossen Hammer darauf und fluchte und schalt 
zu allen Malen den Landgrafen und sprach! Nun werd hart, Du schmäh- 
licher böser, unseliger Herrel u. s. w. Die beste Belehrung, wie die 
Prosa der Dichtung zu behandeln, giebt die Bibelübersetzung Luthers. 
Ganz allgemein lässt sich fordern: Geschlossene, möglichst einfache 
Satzbildung und Aneinanderreihung der Sätze, von denen jeder ein 
moglichst volles Bild geben soll. Alles wissenschaftliche Deduciren, 
Emschaohteln und die Anschaulichkeit störende Unterbrechen der Ge-
        

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