Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182941
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Die 
Dichtkunst. 
Homer! Diese Naehahlnung ward für eine Reihe von Dichtern so 
verhängnissvoll, welche die göttliche Leitung, den Schutz und die Feind- 
seligkeit der Götter oder göttlicher Schutzgeister, nach Homers Vor- 
bild als zum Epos nothwendig angesehen und in dasselbe hineingetragen 
haben. Was beim Homer ein lebendiger Gott ist, ist bei Virgil nur eine 
Maske, ist Maschinerie. Unserem Klopstock ist es mit seinen Engeln 
und Schutzengeln ähnlich ergangen. Alle Schönheiten, alles Sinnvolle 
derartiger Kunstdichtung vermag die _wahre Lebendigkeit im Kunst- 
werk nicht zu ersetzen, die nur da erscheint, wo Durchdringung von 
Wesen und Erscheinung das Werk abgelöst vom Dichter, selbstlebig 
hinstellt. Alles Andere ist nur galvanisiren. 
Firdusi ging voll in seine Gestaltenwelt hinein, ging dichterisch 
darin auf. Sein Schah Name ist ein herrliches Epos. 
Wir können noch als besondere Art die poetischen epischen Er- 
zählungen aufstellen, welche die Blüthezeit dec Mittelalters uns ge- 
bracht hat. 
Das höfische Epos des deutschen Mittelalters, um nur von diesem 
hier zu reden, ist meistens Bearbeitungspoesie. Ein fremder Stoff wird 
übertragen in's Deutsche, wird erzählt und zwar wird die Erzählung 
beeinflusst durch die Subjectivität des Dichters, durch welche wie durch 
ein gefärbtes Glas wir das Ganze betrachten. Nicht die Sache herrscht 
allein, sondern Stimmung, und Betrachtung sollen nicht selten das 
Beste thun. Die Silbjectivität war aber doch noch immer nicht ganz 
durchgebildet, dass sie sich nach jeder Richtung hätte frei ausdrücken 
können. Es ging den Dichtern, wie den Malern: Innigkeit, Sinnigkeit, 
Liebliehkeit, Gottversunkenheit, seliges Lächeln und auch wieder harte, 
feste Züge konnten sie zeichnen und malen; mit der freien Handhabung 
der Gefühle, des Ausdrucks im Allgemeinen war es aber noch schlimm 
bestellt. So bleiben wir immer bei wenigen Empfindungen stehen  
Liebesinnigkeit, Frühlingsentzücken, Gottesminne u. drgl. Da man sich 
in der Subjectivität  das Neuste, Modernste jener Zeit  gefällt, so 
wird die überdies selten sehr inhaltsreiche Erzählung, worin sagen- 
haftes Mährchen, mährchenhaftc Sage keine geringe Rolle spielt, un- 
endlich durch lyrische Stellen auseinandergezogen; die Handlung wird 
zerrissen, wird beschränkt, kurz das echt epische Element nimmt 
grossen Schaden. 
 Deutsche Kaiser, ruhmreich, nationaler deutscher Gesinnung und 
gleich Karl dem Grossen für die deutsche [Jichtung besorgt und thatigl 
Deutsche grosse Kaiser nach Friedrich Barbarossa und eine Glückszeit! 
Was hätte man dann für die deutsche Nationaldichtung erwarten kön- 
nen. Welche auch so die Nibelungen, Gudrun und vieles andere Schijne 
geschaffen hat! Hatten Geister wie Gottfried von Strassburg, Wolfram 
von Eschenbach, Hartmann von Aue u. A. aus deutschem Leben Stoff 
und Dißhtfreude geschöpft, statt aus der Fremde!
        

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