Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182934
Epos. 
mehr naiv gegenüber. Es geht dann wie ähnlich bei Gelegenheit der 
alten Göttergeschichten und selbst der Heldensage. Mit leiserer oder 
kräftigerer Ironie tritt wohl der Dichter auch diesen gegenüber; Thier- 
geschichten aber bieten sich ihm so recht dar, um dem Humor freieren 
Lauf zu lassen, als bei jenen der altgewohnten Verehrung des Volks 
erwünscht ist. Ihre Dichtung wird dann also gerne humoristisch, 
Träger der Ironie, des Sarkasmus. Heiter humoristisch haben wir eine 
solche im griechischen Froschmäusekrieg; eine schärfere, ironische und 
sarkastische gestaltete unser deutsches Mittelalter im Reinecke Filchs, 
der durch Göthes Bearbeitung voll in unsere jetzige Literatur wieder 
eingreift. 
Aus der religiösen Sage, dem Didactischen zuneigend, entwickelt 
sich im Mittelalter das christliche epische Gedicht, die Legende. 
Auf dem Höhepunkt der Epik ist auch das subjective Element 
zum Durchbruch gekommen. Wenn die Epik in der Blüthe steht, beginnt 
die freie Lyrik sich zu entfalten; wenn die Epik abblüht, die Lyrik in 
Blüthe steht, beginnt bei regelrechtem Verlaufe die Durchdringung des 
Objectiven und Subjectiven im Drama. 
Die spätere Epik zeigt Neigung in's Lyrische, stellenweise auch in,s 
Dramatische zu fallen. Das Dramatische zeigt sich in der strenger oder 
streng dialogisirenden Behandlung, wo der Dichter nichts erzählt, son- 
dern Alles oder fast Alles durch den Mund der vorgeführten sprechen- 
den Personen erklärt (im griechischen Idyll sowohl, wie in schottischen 
Balladen und anderen Volkslieder-n). Ebenso durchsetzt Lyrik mehr 
und mehr das epische Gedicht. Die Erzählung in der Liedform, 
das balladenartige Lied (z. B. der König von Thule), dann die Ballade 
und Romanze gehören hierher. Darüber in der Lyrik. Epischer Stil 
verlangt einfache Vers- und Strophenbehandlung. Zusammengesetztere 
Bildungen, verschlungene Reimformen weisen mehr in's Lyrische. 
Das künstliche Epos, gewöhnlich Kunstepos genannt im Gegensatz 
zum Yolksepos, oft am kürzesten als Nachahmungsgedicht zu bezeich- 
nen, leidet häufig an den Fehlern, welche entstehen, wenn nicht bloss 
gelernt und das Gelernte zeitgeniäss angewandt, sondern direct nach- 
geahmt wird. Wenn ein Dichter z. B. einen alten Stoff, Sage, Mythe 
oder was es sei, wählt, diesen aber nicht künstlerisch so durchdringt, 
dass Wesen und Erscheinung sich entsprechen, d. h. wenn es ihm nicht 
gelingt, sich in die Anschauungsweise zu versetzen, welche dem Stoff 
gemäss ist, so fehlt von vorn herein der gesunde Boden für das Ganza 
Die Dichtung ist in sich unharmonisch. Virgil wählt eine Sage aus der 
heroischen Zeit, aber sie ist kaiserlich-römisch behandelt. Seine Fi- 
guren entsprechen den Namen eigentlich nirgends, so bedeutend sie 
in ihrer Art sein mögen; bald sind sie allgemein, bald römisch modern. 
Man sehe die bewunderte Scene von Nisus und Euryalns und vergleiche 
sie etwa mit der nächtlichen Spähe des Odyssens und Diomedes bei
        

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