Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182885
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Die Dichtkunst. 
In der Odyssee ist zum Helden in dem Culturbilde der erfindnngs- 
reiche königliche Odysseus gewählt. Er knüpft das Epos an den troja- 
nischen Krieg, welcher überall den Hintergrund abgiebt und uns in 
seine wunderbare Fülle hineinlockt. Das Epos darf sich nicht vor einer 
grauen Wand abrollen. Darum hat z. B. auch Göthe in seinem Her- 
mann und Dorothea eine geschichtlich bedeutende Epoche, freilich nicht 
erquicklicher Art für uns, zum Hintergrunde genommen. Eine für uns 
frohere Kriegszeit würde das herrliche Gedicht dem Volke zusagendei- 
machen. Homer  denn wir übergehen die Streitigkeiten über den 
Dichter der Iliade und Odyssee  führt uns in der Odyssee durch das 
Meer von Troja, Phönikien, Aegypten, Kreta bis zu den Kimmeriern, 
dem Okeanos und dem Reich der Schatten. Alle Wunder der Phantasie 
werden vorgeführt. Wir sehen fremde Völke1', Ungeheuer, Riesenge- 
schlechter, dann Wieder Göttinnen auf ihren Eilanden, glückselige, ewig 
heitere Menschen. Neben dem Wunderbaren aber die treueste Realität; 
dort Kalypso, hier die trauernde Gattin, dort der Kyklop, hier die herr- 
liche Idylle des Sauhirten Eumäos, dort Scheria und Alkinoos, hier 
Laertes auf dem Felde, dort die Phäaken und Nausikaa, hier die Freier 
im Palast, die Hab und Gut verzehren. Aus dem engen Kreise von 
Ithaka und nach Wundergeschichten fahren wir dann mit Telemach hin- 
über auf das Festland zu Nestor und zu Menelaos und Helena. In wel- 
eher Klarheit, Kraft und Schönheit Alles geschieht, wer Wollte dies schil- 
dern! Das Epos schliesst nach dem furchtbaren Blutbade unter den 
Freiern kurz; es wirdhier gleichsam über's Knie gebrochen. Abgesehen 
davon, dass er seinen Inhalt erschöpft hatte, hätte der Dichter hier nur 
noch durch Herbeiziehung von Freunden des Odyssens wirken können, 
z. B. der Söhne des Nestor, des Menelaos. Auf Ithaka hatte der Tod zu 
furchtbare Ernte gehalten. 
Gegen das reine Heldenepos der Iliade zeigt uns die Odyssee das 
grosse Oulturepos (unserem Roman entsprechender). Die Ansschliess- 
lichkeit des Heldenlebens und Kampfes ist aufgehoben. Das ganze Volk 
wird geschildert vom König bis zum Bettler. Das Volk verherrlicht sich, 
nach seinen Neigungen und Tugenden, auch ihm lieben Schwächen. Die 
einzelne Sage schon ist vorher mehr und mehr in's Menschliche gerückt 
und der Anschauung und den Anforderungen der je späteren Zeit an- 
gepasst. Der Dichter giebt diesen Umwandlungen Einheit und Vollen- 
dung. Ein Seevolk mag von seinen Fahrten hören, von wunderbaren 
Inseln, Abenteuern, Kannibalen, Gefechten, Schißbrüchen, wunderbaren 
Rettungen. Der Kaufmann, der durch eine Katze bei einem König 
fremder Völker grosse Reichthümer gewinnt und Robinson Crusoe  
es ist dieselbe Phantasie wie in der Odyssee. Nur dass hier ein stolzes 
schönheitsbedürftiges Volk aus der Sage sich einen königlichen Helden 
wählt, den es zum Mittelpunkte macht, der in aller Noth, allen Wider- 
wärtigkeiten hervorleuchtet durch männliche Kraft, der bei allen
        

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