Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182870
Epos. 
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noch älteren Zeiten wahrscheinlich (Kinder singen, wo sie sagen, wie 
jede Kindersehule lehrt; auch mancher Gemeindevortrag in ländlichen 
Kirchen kann hier Analogien geben), mussten die Abschnitte noch kürzer 
sein; jetzt Wo gehobener Vortrag mehr und mehr den eigentlichen Sang 
ablöst, können die einzelnen Stücke länger sein. Ein solcher Theil 
musste aber so viel wie möglich in sich eine Einheit bilden, da er ge- 
sondert vorgetragen wurde; 
Ein gewaltiger Stoff liegt vor. Viele Heldenthaten sind zu melden. 
Zur Pliuheit wählt Homer einen Haupthelden, aber darüber will er die 
anderen nicht missen. Die Selbständigkeit der Theile innerhalb des 
grossen Ganzen reizt besonders, die Mannigfaltigkeit nicht zu sehr unter 
die Einheit zu zwingen oder sich zu sehr auf Eines zu beschränken. Um 
die Thaten nicht lose an den Faden des Kampfes um Troja zu reihen, 
dann um eine Steigerung der Heldenthaten möglich zu machen  denn 
i-Xchilleus von Anfang an in gleicher Weise kämpfend würde für ein so 
langes Gedicht ermüdend  führt er Achilleus ein, aber nur, um ihn 
zürnend in sein Zelt kehren zu lassen. Die Helden der Griechen werden 
im Kampf vorgeführt. Held um Held wird behandelt; Achilleus Bedeu- 
tung aber bleibt immer einheitlich wirkend, indem wir sehen, wie doch 
trotz Agamemnon und Diomedes, Ajas, Odysseus u. s. w. Alles ohne 
den im Zelte Zürnenden rückwärts geht. So steigert sich das Ganze im 
Herüber- und Hinüberwogen bis zu dem gewaltigen Kampf an den 
Schiffen, Patroklos Hülfe und Tod, Achilles Erscheinen auf dem Kampf- 
platz der Götterschlacht und Hectors Tod. , 
Mit Hectors Fall ist ein Abschluss. Mit ihm ist Troja dahin: wir 
sehen den Fall des heiligen Iliou voraus. Als Abgesang des Ganzen, 
zur Beruhigung nach den furchtbaren Leidenschaften und dem schreck- 
lichen Aufruhr, kommt nun die Leichenfeier des Patroklos, wo nach 
Mord und Kampfeswüthen Freude, Friede und Schmuck herrscht, alles 
Schöne des schönen Spiels, das der Grieche nicht entbehren mochte. 
Und zum Schluss Priamus bei Achill, der Vater des todten Feindes 
bei dem nun auch von sanfterer Seite geschilderten, edelmüthigen 
Helden. 
Die Sprache, die Oharacterschilderung, die ganze Behandlung 
dieses Epos ist von jeher ein Muster gewesen. Es ist niemals so Grosses 
in so einfacher Sprache geschildert; nur an einigen Stellen sind die. 
übrigens stets treiflichen Gleichnisse zu gehäuft. Die Personen, Dinge 
und Ereignisse treten so klar hervor, dass man glaubt, sie mit Händen 
greifen zu können; der Künstler soll am Homer studiren, wie er einen 
Character zu schildern hat, indem er ihn aus seinen Handlungen, Reden 
und aus den Beurtheiluugen Anderer lebendig vor Augen stellt. Die 
Grösse, Erhabenheit, Schönheit, welche in der Iliade waltet, alle ihre 
Zauber, der Einiiuss auf Religion, auf das ganze Volkslebeu sind hier 
natürlich nicht auseinander zu legen. 
        

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