Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182853
Epos. 
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Im Homer sehen wir Sage und Mythe in dieser Weise künstlerisch 
zum grossen Heldencpos zusammengeschmolzen. Welche wunderbare, 
ewig schöne Dichtung! Höchste Natur! Höchste Kunst! Harmonische 
Einheit! 
In der Iliade bildet der Kampf zwischen den gesammten Griechen 
und den kleinasiatischen Völkern um Troja den Inhalt. Das Ge- 
dicht ist nach der lebendigen Sage behandelt. Die Personen waren 
festgestellt und lebendig im Volksmunde characterisirt. Genaue ge- 
schichtliche Ueberlieferung beschränkt nicht. {Die Zeit liegt zurück; es 
ist „die gute alte Zeit, wo die Menschen noch viel grösser und stärker 
waren, und wo auch Dies und Jenes geschehen ist, was freilich heutzu- 
tage nimmer vorkommt." Die sinnliche Vorstellung im Volke steht in 
dichterischer Vollkraft, als der Sänger seine Iliade singt; es ist in 
mancher Hinsieht dabei ein kindlicher Standpunkt. Man denke an die 
Kinder, wie dieselben die Wunder, die "früher geschehen sind" durchaus 
nicht auffällig finden, oder etwa an italienische Bauern, welche gar nicht 
einsehen, warum sie nicht andie Erscheinung von Heiligen glauben 
Sollen, welche werkthätig zur Zeit der Noth eingreifen. So hat man 
sich ungefihr die Masse des hellenischen Volks zu denken, für welches 
der Dichter sang und ihn selbst auf diesem Urgrund solchen Glaubensin 
so weit stehend, als er seine eigenen derartigen kindlichen Gefühle sich 
voll vergegenwärtigen, ja sie trotz allen freien Spiels damit unangetastet 
stehen lassen kann. Ein guter Dichter verliert nicht, was er gehabt 
hat; er kann die Gefühle rein erwecken und rein halten in der Dichtung, 
die er, wenn es auf seine Ueberzeugung im strengsten Sinne ankommt, 
langst überwunden hat. Also der Grieche, der dem Homer horchte, 
stand auf dieser, vom Zweifel noch nicht unterhöhlten Stufe poetischen 
Halbglaubens oder der Frage: warum es nicht möglich gewesen, dass 
früher Götter und Göttinnen zur Erde stiegen und die braven (tapfern) 
und guten Menschen und ihre Lieblinge sichtbar schützten, wenn auch 
freilich heutigen Tages, seit der Zeit, solche Wunder der Gottheiten 
ilicht mehr sichtbar wären. Das alte Testament verlangt bekanntlich 
mit Gott und Engeln ganz denselben Glauben. Und wie Mancher krittelt 
über H0mer's religiöse Phantasien, ohne zu bedenken, dass er durchaus 
nicht wünschen mag, sich auf seinem Glaubensgebiete von den gläubigen 
Griechen zu unterscheiden! Homer hat aus dem langen Kampf um 'I'roja 
echt künstlerisch einen kürzeren, in sich geschlossenen Stoff genommen. 
Er singt „den verderblichen Zorn des Achilles", jenes Lieblingsheldeil 
der Griechen, ihres Ideals der Kraft und Jugend, der, wie Hegel so 
trefflich bemerkt, noch das Vorbild des grössten, herrlichsten, aber 
eines der letzten Hellenen der edleren Zeit, Alexanders des Grgggen, 
war. Achill ist Mittelpunkt; er giebt die Einheit. Aber der Dichter ist 
darum nicht gesonnen, sich und uns auf ihn zu beschränken. Er, ein 
Epiker, sollte sich den königlichen Agamemnoil und Menelaos, sollte 
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