Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182828
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Die 
Dichtkunst. 
Sage behandelte Erklärung einer Erscheinung, das erste speculative 
Bemühen, welches aber statt durch den Verstand durch die Phantasie 
ausgeübt und zur Lösung gebracht werden soll. S0 lange die phan- 
tastische Lösung geglaubt und für wahr oder wahrscheinlich gehalten 
wird, ist der Mythus rein. Sobald aber die Denkthätigkeit die Phantasie 
zurückdrängt und dieselbe nur als Ausdruck benutzt, weil die Sprache 
noch nicht das Begriffliche klar oder auch nur annähernd genügend aus- 
zudrücken vermag, tritt die bewusste symbolische Darstellung ein, 
welche zuletzt zur reinen Allegorie erkaltet. Was dem Einen aber nur 
symbolisch ist und von ihm vielleicht nur symbolisch ausgedrückt war, 
ist für den Andern oft noch lange echter Mythus. Jede Götterlehre 
giebt Beispiele. Das Gewitter wird z. B. erklärt. Es ist eine Thätig- 
keit; es ist ein Gott, der es bewirkt, welcher blitzt, donnert, mit dem 
Blitze triift. Der Gott und das Wetter werden identificirt. Zeus blitzt, 
Thor wirft den Hammer. Im Winter ist kein Gewitter. Wo ist Thor 
in der Zeit? Wo ist der Hammer? Die Phantasie erklärt durch einen 
Mythus. Später wird das ganze Gewitter absichtsvoll umgedichtet in 
Thatigkeiten des Donnergottes und schliesslich wird Thor und werden 
Riesen und Riesenjnngfrauen u. s. W. zum Wetter, befruchtenden Ge- 
witterregen, zu Steinöden des Gebirgs und schädlichen Naturereignissen, 
Wolkenbrüchen im Gebirg u. dergl. Der dichterische, schöne Mythus 
wird didactisch behandelt oder absichtlich allegorisch.  
Häufig wird nun Sage und Mythus in einander übergehen. Ein 
Mythus wird als Sage behandelt; die Sage wird mythisch ausgesponnen. 
Dort wo der Mythus weichen muss und immer mehr zurückgedrängt 
wird, da püegt er sich zu verkleinern und sich gleichsam den Schichten 
anzupassen, bei denen er zuletzt seine einzige Stätte noch zu finden 
pflegt, bei den Kindern und diesen ähnlichen Gemiithern. Er wird zum 
Mahrchen. So bei unseren echten nordischen Mährchen. Eine beson- 
dere Art entsteht da, wo die Phantasie des Volks das Wunderbare nicht 
fallen lassen mag und darin freudig arbeitet, wie im orientalischen 
Mahrchen, auch in den mahrchenhaften Erzählungen des Mittelalters 
und in ganz bewusster Weise auch in der Neuzeit. (Tausend und eine 
Nacht ist z. B. ein allgemeiner rlusrlrnck der orientalischen Volkspl1anta- 
sie; dagegen sind etwa Mnsäus Volksmährchen durchaus subjectiv). 
In die ältesten Zeiten hinauf reicht auch bei Jägervölkern die 
Thiersage; in ihrer Weise zum Theil die Eigenthümlichkeiten der 
Thiere erklärend, ihr Gebahren erzählend. Man braucht nur heute noch 
manchen Jäger zu hören oder auch Hirt und Knecht, um das Unter- 
schieben des Menschlichen nach Absicht, Erwägung, Gemüthsart u. s. w. 
bei der Betrachtung des Thiers im Einzelnen so stark zu gewahren, wie 
in ältesten Zeiten. Die furchtbaren und die listigen Thiere boten sich 
am besten dar. In der nordischen Waldeinsamkeit nahm das andere 
Gestalt an, als unter Griechenlands Himmel. Hier war ein Löwe, ein
        

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