Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182780
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Dichtkunst. 
Die 
Nebensachen kommen, die wir plötzlich sehr ausführlich behandelt sehen, 
weil sie ungewöhnlich sind und ein ganz specielles Interesse haben. 
Regelmässigkeiten werden dabei selten oder nie auffallen; so z. B. wird 
das Kind bei dem schönen regelmässigen Gesichte nicht verweilen, aber 
sicherlich bei einer Hakennase oder einem Einäugigen; einen Buckligen 
zu schildern wird es nie vergessen. Wird etwas Schönes genannt, so 
ist es das Besondere, Auffällige daran, z. B. langes, gelbes Haar, unge- 
wöhnliche Augen, schimmernde weisse Zähne, mächtige Brauen, Locken. 
Bart u. s. w. Ein glänzender Schmuck wird immer in die Augen 
stechen, sonderbare Tracht gleichfalls, ebenso besonders muthige 
Thiere u. s. w. Was es hört, wird objectiv wiedergegeben. So auch 
Reden. Da heisst es: da sagte Heinrich: "das habe ich nicht gethanl". 
Da sagte aber Adolf: "das hast Du doch gethan." Es führt die directe 
Rede an. 
Einleitungen werden bei der Erzählung nicht gemacht. Das Ge- 
schehene wird ohne Weiteres berichtet. Lebhaft vor der Phantasie 
stehend, gleichsam unbewusst erzählt, ohne Nebenabsichten, niemals 
unterbrochen von Reflexionen, höchstens hie und da von einer kurzen 
Belehrung, weil dem Erzähler ja schon das Ende der Dinge bekannnt 
ist, worüber er uns hie und da einen Wink giebt, dass denn dies oder 
das doch nicht so" gekommen wäre, wie es den Anschein habe, alles 
Unsinnliche vermeidend, herauswerfend oder sinnlicher unideutend, alles 
Gewöhnliche als sich von selbst verstehend voraussetzend, so eilt Er- 
zähler und Erzählung dahin, trotz der innern Abgebrochenheit, welche 
aus dem Hinauswerfen des Nicht-Auffälligen entsteht, in stetem Flusse. 
Die Gleichmässigkeit der Erzählung wird nur zuweilen durch Schil- 
derungen des besonders Auffälligen unterbrochen, welche aber nie zu 
eigentlichen Malereien werden, weil sie sich nie kleinlich um Alles und 
Jedes, sondern immer nur um das Ausgezeichnete, Wichtige im Ganzen 
kümmern. 
Eine isolche Erzählung ist nun von einer "ausserordentliclien Kraft, 
durch ihre Lebendigkeit, durch das lrlerausgreifen der sinnnlichen Haupt- 
momente, sowie durch die Einheit der Anschauung, die durch Reflexionen 
und Zweifel und Abwägen der Folgen nicht getrübt wird, endlich durch 
das Verbleiben der Sprache im Sinnlich-Deutlichen. 
Die Schwächen einer solchen Erzählung können bei der Behand- 
lung durch einen tiefblickenden, gebildeten Geist getilgt werden. Aber 
schwerlichlassen sich sichrere Wege finden für die Darstellung, als 
jene, die wir in der kindlichen Erzählung gefunden haben. Es ist so 
Zu sagen die angeborene Art und Weise der sinnlich lebendigen Er- 
zählung. 
 In derselben Unbefangenheit, aus derselben inneren Nöthigung, 
nicht aus Theorien und Absichten heraus, spricht 111111 das Volk in 
seiner ältesten Poesie. Diese ist je nach der Natur des Volks kräftig,
        

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