Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182774
Epos. 
475 
Der Erzähler auf einer kindlichen Stufe im Volksleben oder das 
Kind sagt Geschehenes wieder. Seine Seele ist der Vorstellungen von 
Aussen sehr bedürftig, beobachtet sich selbst noch nicht und findet auch 
dann noch nicht die Kraft, sich zu erfassen; es ist abhängig von 
der Aussenwelt und weiss sich gar nicht anders als in dieser Ab- 
hängigkeit; es wird so sehr von den Aussendingen bestimmt, dass es 
sich als freie Persönlichkeit gar nicht kennt. Es fühlt sich als Theil 
des Ganzen; die Freiheit des Geistes, dass es sich gleichsam der ganzen 
Welt entgegenstehen könne und ein Recht an sich selbst allem Andern 
gegenüber habe, fehlt ihm noch ganz und gar. Die äusseren Vorgänge, 
soweit sie bewegt, sinnlich, kräftig, erfassbar sind,beobachtet es mit Auf- 
merksamkeit, mit stoffbedürftigem Interesse. Die Vorgänge, deren Ver- 
anlassungen zu erforschen ihm wenig beifällt, so weit sie nicht sichtbar 
werden, reiht es aneinander, ohne den Zusammenhang, den es häufig 
nicht versteht, besonders zu berücksichtigen. Das innere Leben, das 
noch Unbegritfene, tritt gänzlich oder fast ganz zurück. Statt seiner 
wird etwas mehr Aeusserliches eingeführt, nicht die tiefsten Gründe, 
sondern die oberiiächlicheren werden erfasst. So z. B., wenn das Kind 
Etwas gethan hat, was ein übles Ende genommen, wo es Strafe ver- 
dient oder erhält. Das Kind hat es nie gethan, sondern dies oder jenes 
hat Schuld. "Es wollte nur dies thun, aber da ist ein anderes gekom- 
men und hat dies oder das gethan oder dazu verführt und so ist es denn 
geschehn." Ein Stück Zucker oder ein Gott hat das Verbotene, Bereute, 
Ueble verschuldet. Darum ist das Kind und der kindliche Mensch aber 
auch nicht leicht durch Schuld gebrochen oder gar vernichtet; leicht 
wird Alles wieder abgewaschen. Was hat der kindliche Mensch dafür 
gekonnt, dass er so zornig, so begehrlich, neidisch, unvernünftig war! 
Warum musste er so gereizt werden! Die bösen Umstände! Die bösen 
Wärterinnen oder Götter, die nicht besser Acht gegeben haben! Die 
Innerlichkeit, der Character wird wenig oder gar nicht eingesetzt als 
Ursache, weil er noch nicht erkannt ist. Thatsachen, Aeusserlichkeiten, 
so viel wie möglich die sinnlich zu erkennenden veranlassenden Ur- 
sachen, viel Sinn für alles Ungewöhnliche, Unerwartete, ausschliessliches 
Interesse für das Lebendige, Bewegte, Sinnliche, unter schwierigen Um- 
standen wunderbare Verknüpfung der Thatsachen, Freude am Wunder- 
baren und mächtiges Arbeiten der Phantasie darin, das sind der Haupt- 
sache nach die Grundzüge, die wir überall wiederfinden. 
Ein solcher kindlicher Erzähler denkt dabei nicht an seine beson- 
deren Auffassungen. Es ist nach ihm genau, sicherlich ganz genau so 
gewesen, wie er es gesehen und gehört. Er reflectirt nicht, verweilt 
nicht bei der eigenen Innerlichkeit; er erzählt nur, was ihm "aufgefal. 
len" ist, wobei viele Dinge sich natürlich von selber verstehen, da, Sie 
ihm nicht auffällig gewesen sind und ja so sein müssen. So geht es 
meistens in grossen Zügen vorwärts, dann aber können angchejnßnde
        

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