Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182766
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Die Dichtkunst. 
und wie diese wieder eine gleiche Einwirkung auf jene üben. Dies ge- 
schieht in der werdenden Handlung. Nicht mehr mit Empfindungen, 
nicht mehr mit für sich stehenden Thatsachen haben wir es nun zu thun, 
sondern unser Hauptvorwurf wird jetzt der menschliche Geist in der 
Thätigkeit, im Kampf mit der Aussenwelt; der Character und die wer- 
dende That ist es, wodurch die Vereinigung hergestellt ist. 
Die Dichtkunst, diese Gebiete der äussern, der innern Welt und 
ihrer Durchdringung ergreifend, theilt sich danach in Lyrik, Epik und 
Drama. Die Auffassung der äusseren Welt geht wie beim Kind so bei 
den jugendlichen Völkern voran; es ist also mit ihr die Einzelbetrach- 
tung zu beginnen. 
Zuvor gilt es noch einmal an das zu erinnern, was über die Kunst 
im Allgemeinen gesagt worden. Welchen Gegenstand der Dichter er- 
greife, die allgemeinen Anforderungen gelten ihm. Eine bedeutende, 
fesselnde Idee ist nothwentlig; in schöner Form ist sie darzustellen. 
Und zwar in einer, die Phantasie erfüllenden Weise. Dazu darf der 
Dichter nicht erst die Vorstellungen zusammensetzen, welche er in uns 
zu erregen beabsichtigt, sondern jede derselben muss klar, bestimmt, 
lebendig sein. Er wird diese einzelnen bestimmten Vorstellungen na- 
türlich zu einer höheren, jene einigenden zusammeniliessen lassen; aber 
ein Hineinarbeiten in lehrhafter Weise, z. B. durch ein Bestimmen der 
Begriffe, durch eine ausführliche Angabe dessen, was wir etwa nicht. 
unter einer Vorstellung zu verstehen haben, kurz alles lehrhafte Auf- 
lösen, Untersuchen und Prüfen in der Dichtung ist untersagt. Klare 
Bilder gilt es der Phantasie zu geben; wie gross die Vorarbeiten ge- 
wesen sein mögen, sie gehören nicht in die Kunst. Eine volle Leben- 
digkeit ist zu schaffen. Wenn dabei mit aller idealen Kraft stets das 
Schönste getroffen, alles Unnöthige, Zufallige hinweggeschmolzen wird, 
wenn diese Vorstellungen ihren richtigen, der Sprache völlig entspre- 
chenden, schönsten Ausdruck finden, wenn die Anforderungen jeder 
Kunst: Harmonie zwischen Inhalt und Erscheinung, Ganzheit, Glie- 
derung u. s. w. erfüllt sind, dann stehen wir im Gebiete der Dichtung. 
Das 
Epoa 
Ueberall ist Handlung und Gestalt. 
(W. v. Humboldt: Henn. u. DorotheaJ 
Das Erfassen der Aussenwelt durch die Gedanken und deren 
Wiedergabe durch die Sprache giebt die erste und einfachste Form der 
Dichtung, welche sich im Anfang überhaupt vom sprachlichen Aus- 
druck schwer trennen lässt. 
Wir wollen zunächst einen Blick auf die ersten Erzählungen, z. B. 
des Kindes oder der kindlichen Völker werfen.
        

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