Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182722
470 
Die Dichtkunst. 
führen, uns in die damit zusammenhängenden Streitigkeiten einzulassen. 
Bekanntlich wird der Reim von Vielen als "mittelalterlich, gothiseh" 
verworfen. 
Der Reim bindet musikalisch. Und zwar muss er, um rechte Kraft 
zu gewinnen, namentlich in der deutschen, in den Endungen so klang- 
losen Sprache, das ganze Wort oder doch dessen Hauptsilbe umfassen 
und so einem anderen Worte gleiehlauten. 
Wir finden nun nach dem Verschwinden des alliterirenden epischen 
Verses als deutschen epischen Vers eine Reihe von sechs Hebungen, 
ähnlich also dem Hexameter und Trimeter. Diese Reihe wird mit einer 
zweiten durch einen Reim verbunden. Es sei hier gleich bemerkt, dass 
man einen solchen Zweivers mit einem andern Zweivers zu einer Strophe 
vereinte; wahrscheinlich erst in einer späteren, mehr lyrischen Zeit 
wurde sie meistens durch eine Verlängerung des letzten Halbverses um 
eine Hebung als abgeschlossen hingestellt, und dadurch der epische 
Gesang schärfer nach Strophen gegliedert. 
Der Hexameter bekam zum grossen Theil seine Lebendigkeit durch 
die Freiheit, statt der beiden Kürzen des Dactylus eine Lange zu setzen. 
Unsere Dichter wussten in anderer Art Aehnliches zu erreichen. Es 
zählten nur die Hebungen: 4;  1  im letzten Verse der Strophe 
häufig 4;; l  Ihnen aber können unbetontere Silben voran- 
gehen oder können zwischen sie treten. Meistens entstehen daraus 
unserer Wortbildung gemass jambisehe Formen, doch werden die Bei- 
spiele zeigen, wie anapästisch oder dactylisch klingende oder andere 
Metren eintreten. Grosser Wechsel der Formen, Anschmiegungsfähig- 
keit an den Gedanken, ein Gang vom leichten, fliessenden Erzählen bis 
zum wuehtigsten, Schlag auf Schlag fallenden Schmettern, wenn Hebung 
an Hebung trifft, wurde dadurch gewonnen. Man vergleiche etwa fol- 
gende Verse: 
Nun singet mir Bruder Dlankwart, wie säid il'1r so rozch? 
Ich wähne, iixr von W1Imden legidet ggosse Nöth. 
Ist er {rgends iln dem Linde, der Äs euch halt gethslmn, 
Ihn 
errett, 
Tlzeufel, 
der ilibele 
es muss ihm an 
sein Leben gän 
Da. hub sich vor den Thürcn viel starker Gedrang 
Und auch von den Schwertern g'rosser Heimklzing, 
Dess' kam der kühne Dankwart in eine grosse Noth, 
Dass besorgete sein Bruder, wie ihm sein' Treue gebot.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.