Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182669
464 
Die 
Dichtkunst. 
In manchen Oden und Hymnen schwillt nun ein noch bewegterer 
Rhythmus. Aber in einer Einheit- sind die langen Strophen zusammen- 
gebaut, deren Gesetzmässigkeit bewunderungsxivürdig ist. S0 hat man 
z. B. in den Oden Pindars die festeste, ja architectonische Ordnung 
gefunden. Diese lilarterkammer des Geistes, die griechische Metrik, 
die wie das willkürliehste Gemisch erschien, gewinnt eine mehr und 
mehr veränderte Gestalt seit den letzten DGCGIIDlGII. 
Denn Zeus hasst schwer grosssprechender Zung' 
Hochmüthig GeprahY, und als er ersah, 
Wie im mächtigen Strom sie zogen heran, 
In des Goldes Geklirr, hoiTärtigen Sinns, 
Wirft den er herab mit geschleuderteln Strahl, 
Der aufstieg schon 
Zu den Zinnen in jubelndem Siegsruf. 
Und zu der dröhnenden Erde geschmettert fiel er, 
Der mit gescluvungencr Fackel in wildem Amlrang, 
Mit wahnsinniger WVuth brausf heran im feindlichsten Sturm. 
Diesen traf solches Loos: 
Anderes theilt anderen zu, mächtig im Kampf (hängend, der grosse 
Ares, der Siegsheld. 
(Antigene des Sophokles von Dohner.) 
Wie das umsetzt aus dem Heranziehen und Heranwogen! Nieder- 
sehmetternd die Rhythmen selber, sich gegeneinander stauehend, dann 
langsamer, dann gebrochen wogend, verdiessend. 
Welche Sprache war nöthig, um die schwierigen Maasse der Oden, 
der Hymnen klar hervortreten zu lassen, dass sie sich aufbauten wie 
ein herrliches Gebäude, ohne der Sprache in Maass und Tact Gewalt 
anzuthim! Welchen Begriff haben wir von dieser Forinfreude, Form- 
klarheit, Tiefe, von diesem Formvcrstäindiiiss? Von der Kunst ihres 
Vortrags? Sie waren überall Künstler diese Griechen! volle liünstlerl 
Gegen ihre Kilnstbildung, was sind wir (lamit verglichen? 
Bekanntlich hat ein gewaltiger deutscher Dichter auf die griechische 
Metrik zurückgegriffen und hat der deutschen poetischen F0rmbildung' 
einen neuen Anstoss gegeben, da sie im Alles übertönenden Mtihlge- 
klapper des Alexandriners in einer tödtlichen Langweiligkeit sich dahin- 
sclileppte. Klopstock verwarf den Reim, sang Oden nach griechischen 
Maassen und schrieb seine Messiade im epischen Vers der Alten. Es 
soll hier nicht die Berechtigung der alten griechischen Maasse gegen 
unsere gewohnten poetischen Formen abgewogen werden. Genug, dass 
unsere Sprache durch jene erfrischt, vervollkommt worden, dass unser 
Ohr wieder mehr Gehör für rhythmische Feinheiten bekommen hat, 
welches es seit dem Verfall unserer Dicktktlnst im Mittelalter ganz ver- 
loren hatte. Unsere trelfliche deutsche Sprache hat im Munde eines 
Klopstock, Platen u. A., dann so vieler treiflichei- Uebersetzer gezeigt, 
dass sie auch in den Weisen der Griechen Bedeutendes leisten kann.
        

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.