Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1178062
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Schöne. 
Das 
zurückführen können, um befriedigt zu sein. Was überhaupt vom 
Menschen gilt, gilt auch von seinem ästhetischen Vermögen. Und 
somit ist Einheit in der Vielheit oder Mannigfaltigkeit eins der 
Grundgesetze für unser ästhetisches Empfindungsleben. Das Schöne 
muss eine Einheit in der Vielheit zeigen, die mit unserem Vernunft- 
gesetze harmonirt. 
Die Vielheit entsteht durch eine Theilung der Einheit, wie die 
Einheit durch Zusammenfügung der Vielheit. Eine blosse Vielheit, 
sagten wir schon, ist unserem Begreifen, unserer Vernunft wider- 
spreehend. Wenn die Einheit als Einförmigkeit todt, langwiveilig, über- 
haupt unästhetiseh erscheint, so wirkt die blosse Vielheit chaotisch 
und damit unserem Vernunftgefühl ebenso Widersprechend und kann 
daher niemals den Eindruck des Schönen machen. Das Zusammen- 
gruppiren der Theile zur Einheit nennen wir Gliederung. Soll diese 
uns schön erscheinen, so muss sie in der Art unserem sinnlichen und 
geistigen Vermögen entsprechen, dass sie "demselben sich durch ihre 
Uebersichtlichkeit anpasst. Wenn eine gewisse Grösse oder Kleinheit 
nicht überschritten werden darf, um für unsere Sinne wahrnehmbar zu 
sein, so darf die Gliederung auch eine gewisse Gränze nicht über- 
schreiten, um wohlgefällig zu bleiben. Bei grossen Gliederungen, die 
uns zusammen den Charaeter der Einheit machen sollen, wird beispiels- 
weise jedes Hinausgehen über die Zehnheit ästhetisch nicht leicht be- 
friedigend wirken. Bis zum Fünffachen überfassen wir leicht mit 
einem Blick. Gegen die Zehnheit aber oder darüber tritt die Noth- 
wendigkeit des Zählens bei den meisten Menschen ein, wodurch der 
ästhetische Eindruck gestört wird. Es versteht sich, dass jeder Theil 
einer Gliederung wieder als Einheit aufgefasst werden kann. Er theilt 
sich alsdann wieder und so fort. Der kleineren Gliederungen können 
schliesslieh ilnzäihlige sein, wo sie nur den untergeordneten Eindruck 
blosserVielheit, der Fülle z. B. als Schmuck, Ornament u. s. w. machen. 
Eine Einheit darf aber nie derartig durch eine Gliederung getheilt 
sein, dass sie auseinander zu fallen scheint. Es wäre das schon ein 
Widerspruch in sich. Uebertriebenc Gliederung, wie z. B. bei vielen 
Inseeten, stört; sie zerreisst das Bild, somit auch unser ästhetisches 
Wohlgefallen. 
Eine wahre Einheit können wir nur erlangen, wenn das Ding in 
allen seinen Theilen vor uns liegt. Einheit verlangt Ganzheit. Dazu 
gehört also, dass Nichts fehlt: Lückenlosigkeit, Vollständigkeit, wo- 
düfßll auch schon bestimmt ist, dass jedes Ding seinen Anfang und 
sein Ende hat, in sich abgeschlossen sein muss, um ein reines, von 
Alfdßfßm unabhängiges Wohlgefallen zu erregen. Eine solche Ganz- 
llölt ISt bedingt durch Freiheit. Jede Störung der Vollständigkeit, 
Abgeschlossenheit, durch Verkümmerung, Fehlen sowohl, wie durch 
Hlnllltvßten eines Ungehörigen, ist missfällig. Reinheit der Erscheinung
        

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