Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182540
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Die Dichtkunst. 
stande auch wieder erklügelt werden muss, da hört natürlich das Wesen 
der Dichtung auf. Das Gewitter, umgesetzt in den heftigen, aber guten 
Gott, ist eine Personifieation voll Mark. Mit Absicht die Vorkommnisse 
beim Gewitter umdenken in eine ausgeklügelte, erst zu ergrübelnde 
und gezwungene Erzählung von dem Gott, bei welcher man sich jeden 
Augenblick über die Umwandlung klar ist, ergiebt eine frostige Allegorie. 
Auf den sinnlichen Ursprung sehr vieler für uns unsinnlich ge- 
wordener Begriffe in der Sprache kann hier nur aufmerksam gemacht 
werden. Ob denken tastend hin und her fühlen heisst, 0b sprechen 
brechen (das Schweigen) heisst, lesen mit dem Lesen, Auflesen des 
Sammelns eins ist u. s. w. daran denkt für gewöhnlich der Sprecher 
nicht. Aber auch: das Unglück hat ihn niedergedrückt, niedergeschlagen, 
niedergeworfen, nicdergeschmettert, betroffen, Versucht u. s. w. und eine 
Menge solcher bildlicher Reden führen wir, ohne uns besonders ihre 
Bedeutung jedes Mal klar zu machen. Es ist aber schon in der An- 
forderung ausgesprochen, dass der Dichter stets die richtigen Vor- 
stellungen wählen soll, mit wie richtigem Gefühl und welcher Feinheit 
er jeden solchen Ausdruck zu behandeln hat. Wir wissen hiiuüg nicht, 
warum uns eine einfache Rede so poetisch und voll einer so unüber- 
treffliehen Kraft und Klarheit erscheint. Wenn wir näher zusehen, 
werden wir oft finden, dass der Zauber in dem Gebrauch solcher Worte 
liegt, in denen auch da noch die sinnliche Bedeutung genau eingehalten 
wird, wo wir für gewöhnlich ihrer gar nicht mehr gedenken. Der rich- 
tige poetische Ausdruck verlangt in dieser Beziehung ein sehr feines 
Gefühl, genaue Beobachtung und grosse Kenntniss. 
In der Kindheit und Jngendzcit der Völker und der Sprache wiegt 
die sinnliche Anschauung vor; die in der Sprache niedergelegten Vor- 
stellungen beziehen sich alle auf die Erscheinungswelt. Erst allmalig 
schafft sich das reine Denken seinen Ausdruck. Die Sprache eines Volks 
in seiner Jugendzeit, wie des Kindes , wie überhaupt Aller, welche nur 
aus der äusseren Erscheinungswelt schöpfen, erfüllt deshalb stets eine 
Grundbedingung für die_Poesie. Allgemeingesprochen, ist sie stets 
poetisch. 
 Eine dem thätigen Leben entfremdete, sich hauptsächlich mit ab- 
stracteren Begriffen beschäftigende Gesellschaft wird leicht die Sinnlich- 
keit der Sprache abschwächen, namentlich wenn sie noch Fremdwörter 
gerne gebraucht, die an sich für ein fremdes Volk stets unsinnlich sind. 
Die Sprache wird dadurch dürr und vertrocknet. Sie mag sich dann 
noch so trefflich winden, drehen und zierlich flechten lassen; wenn der 
Saft und die frische Kraft heraus ist, taugt sie nicht mehr zur lebendigen 
Dichtung. Der Dichter muss deshalb stets die Fühlung mit der sinn- 
lichereii frischeren Volkssprache haben, und aus ihr, sei es aus dem 
gewöhnlichen Leben heraus oder aus der Volkspoesie schöpfen, sobald 
die sogenannte gebildete Sprache vertrodziien will. Jene ist der Hiessende
        

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