Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182484
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Dichtkunst. 
Die 
dieses mit dem eigentlichen Sprechen als begritfliehem Ausdruck nichts zu 
thun. Das Tönende tritgt den Begriff nur. Man kann die Töne nicht 
schildern, sondern sie nur mathematisch zu einander bestimmen. Die 
Tonwelt ist durch die Sprache nicht zu ersetzen; diese nicht durch 
jene. 
Während in der bildenden Kunst nur äussere Formen, in der Ton- 
kunst nur innere Bewegungen zum Ausdruck kommen, dort also tinmit- 
telbar nur Anschauung, hier Empfindung herrscht, umfasst der Gedanke 
Aeusseres und Inneres, das ganze Ding, und zwar sucht er das Wesen, 
nicht bloss die Materie in ihrer ausseren Form, nicht bloss Aeusserungen, 
die auf innere Zustände sehliessen lassen, sondern das ganze Wesen 
nach allen seinen Erscheinungen und nach seinen Wirkungen. Dies 
ist in keinem Punkte, in keinem Augenblicke ganz zu ergreifen. Im 
Leben selbst, im „ Fluss der Dinge" kann es nur erfasst werden. Zu 
den Anschauungen der Formen, zu den Empfindungen tritt die Erken- 
nung des Wesens, des Zusammenhangs im Geschehenden. Die Wirkung 
von Einem auf's Andere, die fortschreitende Thatigkeit, dann zuhöchst 
das thätige Seelenleben und seine Aeusserungen im Handeln; Gedanken, 
Character, Handlung werden Hauptgegenstand. Das lebendige Ge- 
schehen, sagen wir es schon hier, wird immer den Kern der Dichtung 
ausmachen müssen. Das verweilende Schildern, das schilderndc Ver- 
weilen sind nicht ihre Sache. Tlhatig, fortentwiekelnd wie die Gedanken 
sein müssen, muss auch die Dichtung sein. Deshalbbelebt sie so gern 
das Unlebendige; desshalb wählt sie so gernLebendig-Thatiges zur 
Veranschaulichung. (Aristoteles sagt Rhetorik III, 11 : „Ich meine, es 
veranschauliche alles das, was ein Lebendig-Thätiges bezeichnet. Wenn 
ich z. B. einen tüchtigen Mann einen gewürfelten nenne, so ist dieses 
ein bildlicher Ausdruck, aber er drückt keine Lebensäusserilng aus. 
Aber der Ausdruck: „ "eines Mannes, dessen Kraft in der Blüthe stehtM 
enthält eine Lebensäusserung." Er weis't sodann auf Homer und dessen 
gleich näher zu bespreehendes Lebendigmachen.) 
Es werden in der Dichtkunst durch die Sprache Vorstellungen 
übertragen. Betrachten wir diesen Vorgang näher  Anschauungen 
und Empfindungen, Begriffe, Sprache vorausgesetzt. Im Geiste sind 
Vorstellungen gebildet und demselben gegenwärtig, sei es nach dessen 
eigner Wahl und Laune oder durch eine Anregung von Aussen. So 
wird eine Vorstellung erweckt durch das Wort, welches dafür als sinn- 
liches Zeichen in der Sprache gilt. Soll sie recht lebendig erregt wer- 
den, so muss sie kräftig im Vorstellungsvermögen ruhen, und muss das 
richtige Wort dafür in einer Weise gebraucht sein, dass es jenes in 
'l'häitigkeit versetzt. Ein ilnbestimmtes Wort kann nur eine unbestimmte 
Vorstellung erwecken; eine undeutliehe, trübe, leblose Vorstellung kann 
durch kein noch so bestimmtes Wort klar gemacht und belebt werden. 
Es ist also einerseits Kraft, Bestimmtheit und Vorrath der Vorstellungen
        

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