Bauhaus-Universität Weimar

Titel:
Populäre Aesthetik
Person:
Lemcke, Carl
Persistente ID:
urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1177159
PURL:
https://digitalesammlungen.uni-weimar.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:wim2-g-1182476
Stellung 
der 
andern Künsten. 
den 
Dichtkunst zu 
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der geistigen Anschauung ein genaues Bild einer zusammengesetzten 
Körperlichkeit zu geben. Eine unregelmässige Fläche setzt sich viel- 
leicht aus tausend verschiedenen Verhältnissen zusammen; diese über- 
sehe ich mit dem Blicke; alle oder sehr viele liegen gleichzeitig vor den 
Augen; die Sprache dagegen ist transitorisch; sie kann nur das Eine 
nach dem Andern schildern; es bedarf einer grossen Anstrengung, dieses 
Nacheinander zusammenzufassen; das Gedächtniss wird belastet und 
bald überladen; das geistige Bild wird verworren oder bleibt doch un- 
bestimmt. Das einzige Mittel, welches die Sprache zur genaueren Be- 
stimmung hat, ist die Uebertragung der räumlichen Verhältnisse in 
Zahlen, um danach ein räumliches Abbild entwerfen zu können. Dies 
aber fällt aus der Phantasie und wird dann wieder zur bildlichen An- 
schauung der bildenden Kunst. Auch die farbigen Erscheinungen in 
ihren unzähligen Verschiedenheiten lassen sich nur im Allgemeinen 
durch die Sprache bezeichnen und vor die Phantasie rufen. Die bil- 
dcnde Kunst hat darin ihr Reich: Architectur, Plastik, Malerei; die 
Dichtung, die Sprache überhaupt kann hier nicht wetteifern. Keine 
Sprache z. B. kann, auch wenn sie tausend Einzelheiten geben wollte, 
das Gesicht eines unbekannten Menschen (der nicht durch besondere 
ungewöhnliche Merkmale als auffällig zu charakterisiren ist) so an- 
schaulich machen, wie ein Gemälde; jene wird immer nur ein allgemeines 
Bild geben können. 
Das Nacheinander der Sprache im Gegensatz zum Miteinander der 
bildenden Kunst und dessen Bedeutung möge man sich daran vergegen- 
wartigen, dass man auch beim Gemälde nur ein Nacheinander stattfinden 
lässt, dass der Maler uns z. B. nur die Haare zeigt, diese dann verdeckt 
und unserem Gedächtniss allein überlässt, dann die Stirn in derselben 
Weise, dann Nase, Augen, Wangen u. s. w. Wie viel mangelhafter wird 
schon dadurch die Anschauung werden. 
Es folgt daraus, dass die Dichtung sich hüten soll, in Bezug auf 
äussere Formen es der bildenden Kunst an Anschaulichkeit gleichthun 
zu wollen. Sie kann nicht so bilden wie die Natur, die Architectur und 
die Plastik; sie kann nicht so malen wie die Malerei. Die Dichtung, 
welche dies verkennt, welclte z. B. malerisch genau sein will, wird statt 
eines klaren, schönen, richtigen Phantasiebildes nur eine abgeblasste 
und immer undeutliche Zusammenstoppelung geben. Wie die Dichtung 
ihrer Eigenthümlichkeit gemäss richtig verfährt, werden wir sehen. 
(Lessing: Laokoon.) 
Aehnlich steht sie zur Tonkunst. Der bestimmte Gedanke, wie er 
in der Sprache gefasst ist, giebt nicht die Empfindung selbst, sondern 
ihren Begriff. Durch das Tönende der Sprache an sich hängt die 
gpraehe allerdings mit demT-Pongebiet zusammen und Modulation der 
Stimme, ihre Klangfarbe, Vibriren u. s. w. können die Sprache gleich- 
sam zum Ausdruck eines einfachen Instrumentes machen; doch hat
        

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